© Peter Kreder (http://www.flickr.com/photos/peterkreder/457364993) CC-BY-NC-SALinie 16, Rodenkirchen Richtung Niehl. Ein junger Amerikaner, Jake ist sein Name, spielt in der Bahn Gitarre. Sehr laut und voller Inbrunst. Er singt ein Lied, das vom “Fucking War Business” handelt. Ausser seiner Musik ist nichts zu hören. Niemand spricht. Keiner ermahnt den Sänger, doch endlich mit dem schrägen Geklampfe aufzuhören. Eine diffuse Befangenheit ist spürbar.
Jake spielt und blickt dabei immer wieder offen in die Runde. Augenscheinlich sucht er ein Gespräch. Keiner gibt ihm diese Chance. Jake lässt eine passable Kadenz erklingen, hält dann inne und lässt seine Augen über die Gesichter der stummen Mitfahrer gleiten. Er grinst, ganz Prince Charming.

– Don’t worry. I don’t want your money. I just play for your hearts.

Er meint es gut. Erntet aber weder Lächeln noch Spott. Nichts.

– I don’t understand you germans. You have money. You have jobs. But you look so bored.

Schweigen in der Bahn.

– Maybe you have fear? Fear of: what? Maybe … death?

Das Schweigen wird lauter.

Jake blickt erneut von Gesicht zu Gesicht. Die Getroffenen schauen verstohlen nach draußen, als gäbe es dort etwas zu sehen – dabei sind die Straßen lange schon in tiefe Dunkelheit getaucht. Ein junges Paar sitzt händchenhaltend nebeneinander. Beide starren auf irgendeinen Punkt in der Ferne, sie versuchen so zu tun, als würden dort gerade die Lottozahlen der nächsten Woche angezeigt. Jake schüttelt den Kopf.

– You don’t talk to each other. Either to me. No smile. You look so bored. Like you were saying: “Please, Lord, give me death!”

Nur noch das Geräusch der rumpelnden Räder ist zu hören. Nach einem Moment greift Jake wieder in die Saiten und improvisiert aus dem Stehgreif ein Lied. Ein Lied über die Deutschen. Dass sie ja so verdammt große Denker hätten. Pause.

– Yeah, maybe you think too much. And enjoy too little.

Die Bahn legt sich am Barbarossaplatz mächtig in die Kurve. Jake deutet nach draußen:

– I don’t believe Adolf Hitler is dead. There are so many Nazis out there.

Etwas unsanft kommt die Bahn an der Haltestelle zum Stehen, Jake trällert unbeirrt weiter sein etwas anderes Deutschlandlied. Ein schnieker Businessman steigt hinzu – es ist recht voll, er ist gezwungen, seine sichtbar teure Aktentasche neben Jakes Gitarrenkoffer zu drappieren. Jake blickt ihn an.

– You have a Mercedes?

Der Businessman stutzt kurz. Er hat.

– Well, I don’t have a Mercedes. Mercedes are shit in ten years. Why? I have a horse. And it doesn’t eat oil.

Die Bahn gleitet quietschend hinab in die Unterwelt.
Am Neumarkt steigt Jake schließlich aus – “in the middle of the city” wie er alle ironisch wissen lässt. Die Türen schliessen sich, Jake steht reglos auf dem Bahnsteig, hat sich auf seine Gitarre gestützt. Er sieht aus wie Johnny Depp in »Arizona Dream«. Die Bahn fährt an und entschwindet erneut im dunklen Tunnel.

Einige der  Passagiere blicken sich verstohlen an. Sie lächeln vorsichtig. Als täten sie dies zum ersten Mal.

Es braucht offenbar mehr Jakes auf dieser Welt.

3 Kommentare zu “Ein singender Spiegel in der Bahn”

  1. christiane sagt:

    Und was hast du gemacht?

  2. babulski sagt:

    Na, ich hab mir das alles ausgedacht. ;-)

  3. christiane sagt:

    Schön! Herr Babulski :)

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