Marketing-Mumpitz – Part 3
24. September 2009
Aus einer aktuellen Pressemitteilung:
Irgendwo, 17. September 2009 – Pünktlich zur Online Marketing Messe dmexco präsentiert die you-name-it Company ein eigens für die Blogosphäre kreiertes Werbeformat: das you-name-it-AD. Im Gegensatz zu herkömmlicher Displaywerbung zeigt das in Deutschland einzigartige you-name-it-AD ausgewählte, authentische und unbezahlte Blogbeiträge zu einem Produkt oder Thema an. So verschaffen Werbekunden positiven Konsumentenerfahrungen mehr Aufmerksamkeit während Blogger gleichzeitig mehr Leser gewinnen. [...] Blogger veröffentlichen Blogbeiträge, die Millionen anderer Nutzer konsumieren [...]
Reife Leistung: einzigartig, authentisch, unbezahlt, positiv und konsumieren in nur einem Absatz.
Trotzdem könnte ich kotzen.
Ein singender Spiegel in der Bahn
20. September 2009
Linie 16, Rodenkirchen Richtung Niehl. Ein junger Amerikaner, Jake ist sein Name, spielt in der Bahn Gitarre. Sehr laut und voller Inbrunst. Er singt ein Lied, das vom “Fucking War Business” handelt. Ausser seiner Musik ist nichts zu hören. Niemand spricht. Keiner ermahnt den Sänger, doch endlich mit dem schrägen Geklampfe aufzuhören. Eine diffuse Befangenheit ist spürbar.
Jake spielt und blickt dabei immer wieder offen in die Runde. Augenscheinlich sucht er ein Gespräch. Keiner gibt ihm diese Chance. Jake lässt eine passable Kadenz erklingen, hält dann inne und lässt seine Augen über die Gesichter der stummen Mitfahrer gleiten. Er grinst, ganz Prince Charming.
– Don’t worry. I don’t want your money. I just play for your hearts.
Er meint es gut. Erntet aber weder Lächeln noch Spott. Nichts.
– I don’t understand you germans. You have money. You have jobs. But you look so bored.
Schweigen in der Bahn.
– Maybe you have fear? Fear of: what? Maybe … death?
Das Schweigen wird lauter.
Jake blickt erneut von Gesicht zu Gesicht. Die Getroffenen schauen verstohlen nach draußen, als gäbe es dort etwas zu sehen – dabei sind die Straßen lange schon in tiefe Dunkelheit getaucht. Ein junges Paar sitzt händchenhaltend nebeneinander. Beide starren auf irgendeinen Punkt in der Ferne, sie versuchen so zu tun, als würden dort gerade die Lottozahlen der nächsten Woche angezeigt. Jake schüttelt den Kopf.
– You don’t talk to each other. Either to me. No smile. You look so bored. Like you were saying: “Please, Lord, give me death!”
Nur noch das Geräusch der rumpelnden Räder ist zu hören. Nach einem Moment greift Jake wieder in die Saiten und improvisiert aus dem Stehgreif ein Lied. Ein Lied über die Deutschen. Dass sie ja so verdammt große Denker hätten. Pause.
– Yeah, maybe you think too much. And enjoy too little.
Die Bahn legt sich am Barbarossaplatz mächtig in die Kurve. Jake deutet nach draußen:
– I don’t believe Adolf Hitler is dead. There are so many Nazis out there.
Etwas unsanft kommt die Bahn an der Haltestelle zum Stehen, Jake trällert unbeirrt weiter sein etwas anderes Deutschlandlied. Ein schnieker Businessman steigt hinzu – es ist recht voll, er ist gezwungen, seine sichtbar teure Aktentasche neben Jakes Gitarrenkoffer zu drappieren. Jake blickt ihn an.
– You have a Mercedes?
Der Businessman stutzt kurz. Er hat.
– Well, I don’t have a Mercedes. Mercedes are shit in ten years. Why? I have a horse. And it doesn’t eat oil.
Die Bahn gleitet quietschend hinab in die Unterwelt.
Am Neumarkt steigt Jake schließlich aus – “in the middle of the city” wie er alle ironisch wissen lässt. Die Türen schliessen sich, Jake steht reglos auf dem Bahnsteig, hat sich auf seine Gitarre gestützt. Er sieht aus wie Johnny Depp in »Arizona Dream«. Die Bahn fährt an und entschwindet erneut im dunklen Tunnel.
Einige der Passagiere blicken sich verstohlen an. Sie lächeln vorsichtig. Als täten sie dies zum ersten Mal.
Es braucht offenbar mehr Jakes auf dieser Welt.
Zwischen Esoterik & Psychologie
18. September 2009
Heute war er in Köln: Phlippe Djian, Held meiner Jugend. »Verraten und verkauft«, »Rückgrat«, »Pas de deux«, »Matador« — so heissen einige seiner Bücher. Ich verschlang sie damals. Und wollte sie nie zuende lesen, weil ich wusste: Ich werde wieder weinen. Nicht, weil seine Bücher traurig sind. Zum Ende hin entwickeln seine Romane oft ein unbeschreibliches Cresendo, das mir auf den letzten Seiten stets den Atem nahm. Bei so viel Talent, Timing und Tonalität können einem wirklich die Tränen kommen. Freudentränen. Die Lektüre von Djians Büchern war mir Lektion. In vielerlei Hinsicht.
Nun also: Lesung in Köln. Seine Doggy-Bag-Soap will auch in Deutschland an den Mann gebracht werden. Djians Romane habe ich seit zehn Jahren nicht mehr verfolgt. Schon »Heisser Herbst« sagte mir nichts mehr. Andere Autoren fanden mich. Vielleicht ist es eine Frage des Alters. Oder des eigenen Weges. Passiert nun mal. Da ich jedoch sowieso zu dieser Zeit werktäglich am Bahnhof rumhänge, wollte ich mir ein Wiedersehen nach zehn Jahren nicht entgehen lassen.
Er war noch nicht anwesend, als ich die Buchhandlung betrat. Die Plätze jedoch, in der oberen Etage, am Ort der Lesung, waren schon reich bevölkert. Lauter Menschen in meinem Alter. Keine Jugendlichen, keine Studenten, keine neue Generation der Leserschaft. Ein sattes Publikum, irgendwie. Auf der Suche nach: den Wurzeln? Wer weiss.
Schließlich kam er, gerade mal fünf Minuten zu spät. Sechzig ist er dieses Jahr geworden. Langsam fuhr er die Rolltreppe hoch, sein schütteres Haupthaar: kaschiert durch eine lässige Schiebermütze, die Kleidung: wie ein Germanistik-Student im vierten Semester. Alt ist er geworden. Jung will er bleiben. Shake hands hier und dort, er nimmt auf dem Podium Platz. Flankiert vom Moderator/Übersetzer Stefan Barmann. Dieser eröffnet nuschelnd die Lesung, sondert gelangweilt banales Blabla von sich, seine erste Frage an den Autor goutiert dieser mit einem süffisant-souveränen »Ich verstehe die Frage nicht«.
Erst jetzt bemerkte ich, dass Djian zwischen den Regalreihen »Esoterik« und »Psychologie« drappiert wurde.
Ich verließ diesen unwürdigen Ort — im Wissen: das, was folgt, wird keine Bedeutung mehr haben. Auf dem Weg zum Bahnsteig wendete ich mich jedoch noch einmal um und schaute zurück, nach oben, in die erste Etage der verglasten Buchhandlung. Dort saß er also, der Held der Jugend, mit dem Rücken zu mir. Und versteckte seine Glatze unter einer Mütze und machte gute Miene zu irgendeinem Spiel, das mich nicht mehr interessiert.
Auch Idole haben eine Halbwertszeit. Ich möchte sie lieber in guter Erinnerung behalten.
Meide die Orte, an denen über Bücher gesprochen wird. Höre auf niemanden. Wenn sich jemand über deine Schulter beugt, spring auf und schlag ihm ins Gesicht. Schwing keine Reden über deine Arbeit, es gibt nichts dazu zu sagen. Frag dich nicht, warum und für wen du schreibst, sondern denke, dass jeder deiner Sätze der letzte sein könnte.
– Phlippe Djian: Pas de deux (1994)
Prost Poesie!
17. September 2009
[...] alle fühlenden Menschen sind Poeten, alle bewußten Poeten sind Anarchisten, aber was können Sie gegen die Angst? Das Bier hingegen, das Bier besiegt an jeder Stelle der Welt augenblicklich die Angst. Was spricht also gegen ein augenblickliches Bier im Fischerwirt?
– Jörg Fauser: Alles wird gut (1979)
