Köln. Transitstadt.

Mich verschlug es nach Köln. Es hätte auch Hamburg, München oder Berlin sein können. Aber es war halt Köln. Das hatte mir einer Frau zu tun, die unbedingt Biologie studieren wollte, es nach zwei Semestern aber aufgab. Sieben Jahre älter als ich war sie, wir teilten eine Wohnung am Friesenplatz, direkt gegenüber vom Päffgen. Ich liebte sie, glaubte ich zumindest, ich wollte ihr bis ans Ende der Welt folgen, wenn sie es verlangte, das schwor ich ihr und mir — konnte dabei aber nicht ahnen, dass das Ende der Welt nur ein paar Meter weiter um die Ecke lag, im Belgischen Viertel, in das sie zog, als sie sich in einen anderen Kerl verliebte.

Wolfgang hilft

Kaum aus der Psychiatrie entlassen, holte ich mir auf meiner Mansarde einen runter. Im Marienhospital hatte ich keinen Steifen gekriegt, was wohl an dem Hängolin lag, das die mir in den Kaffee gegeben hatten. Nun ging es wieder, und es kam gut, kam sehr gut. Ich fragte mich, ob der jahrelange Sex mit mir selbst dazu geführt hatte, daß ich plemplem geworden war. Aber dann müßten ja alle katholischen Geistlichen und Junggesellen ohne Freundin reif sein für die Klapsmühle. Sind sie es nicht auch? […] Ich wäre sehr gern Schriftsteller geworden, aber was sollte ich schreiben? Sollte ich einen Roman daraus machen, wie ich jeden Tag in die Wirtschaft gehe und mich besaufe? Manche Tage waren ganz unterhaltsam, wenn man den Experten beim Klammern zusah, aber sollte ich schreiben, Erwin spielt die Herz zehn auf, Kurt geht mit der MI drüber, Manfred fängt sie mit dem Jas und Klöte wirft einen bei? Und das auf dreihundert Seiten?

 
— Wolfgang Welt: Doris hilft (Suhrkamp st 4051)

Landleben (be)lohnt

Die Wälder sind jetzt schon voller Steinpilze, Maronen und Pfifferlinge. Wenn ich Glück habe, kann ich noch die edle Kunst des Fischefangens erlernen. Das nehme ich eigentlich erst mal mit, und dann kann ich nur hoffen, dass es gelingt, wenn man auf andere Weise lebt, die Art und Weise, wie man hier den Tag anfängt, dass man den Kopf wirklich sehr lange erst mal medienfrei hält, nichts hineintut, was da in einen frischen Kopf noch nicht hineingehört, sondern erst mal wirklich guckt, was der liebe Gott, den man einen guten Mann sein lässt, über Nacht wieder angestellt hat und sich dann ganz langsam diesem Paralleluniversum zuwendet, das manche Leute die Realität nennen.

 
— Wiglaf Droste am 16.07.2009 im Interview mit Deutschlandradio Kultur

Die Lage

Die Menschen [in Deutschland] sind betäubt, eingelullt in Propaganda und in dieser moralischen Lethargie, in die Bürger fallen, wenn sie ihre Verantwortung für das, was geschieht, abgegeben haben.

 
— Anne O’Hare McCormick in der New York Times


(via Freitag)

Vor dem Sturm

Zur Begrüßung eine tote Ente. Starr liegt sie auf dem Rücken, das Herz ist ihr entrissen. Noch scheint die Sonne warm vom Himmel, das Unwetter ist noch fern. Jede Zigarette, die ich von nun an rauche, ist begleitet vom fragenden Blick des ungläubigen Erpels: Unsicher tappst er umher, sucht sein Weibchen und findet es nicht – der Hausmeister entsorgte unlängst den zerfetzen Kadaver in der nächstbesten Mülltonne.

Der Anblick des Witwers hinterlässt eine Wehmut. An diesem strahlenden Morgen wurden drei Herzen herausgerissen. Mindestens.

Keine Angst vor Trümmern

Wir sind es, die wir die Städte und Paläste – hier in Spanien und in Amerika und überall – gebaut haben. Wir Arbeiter können andere Städte und Paläste an ihrer Stelle aufrichten und soger bessere. Wir haben nicht die geringste Angst vor Trümmern. Wir werden die Erben dieser Erde sein… Hier, in unserem Herzen, tragen wir eine neue Welt. Jetzt, in diesem Augenblick, wächst diese Welt.

 
Buenaventura Durruti

Wilde Zeiten

Die Jack-Wolfskinisierung der Gesellschaft geht voran.

Alles ist Outdoor und feindlich. Sei bereit!