01.02.2026
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Briefe an die Töchter (XIII)
Seit ich denken und fühlen kann vermisse ich die bedingungslose liebende Mutter. Meine leibliche konnte es nicht, aus Gründen, die ich inzwischen tief verstehe. Dennoch blieb und bleibt ein Loch, eine Sehnsucht, die Erlösung sucht. Ich habe gelernt – born under punches – damit umzugehen. Indem ich nicht das Unmögliche einklage, sondern mit dem operiere, was und möglich ist.
Musik. Jene Sprache, die uns mit dem kollektiven Unbewussten koppelt. Tröstet.
Trivialpsychologisch meint dies: Sublimation. Jedoch ist dies negativ besetzt.
Bullshit.
Es ist eine Super-Power und Eigenermächtigung. Freiheit. Gnade. Vielleicht auch: Macht, ja – sich selbst umarmen zu können.
Man wird nicht mehr gespielt, sondern tanzt im eigenen Rhythmus. Lächelnd und beschwingt. Ergebnisoffen. Fritze Schiller, put short. Hatten wir bereits.
Fühlt euch umarmt.
Und umarmt euch selbst!
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Briefe an die Töchter (XII)
Genehmigte mir heute die erste Pausenkippe seit Dienstbeginn (14h) um kurz vor 20h.
Die Bewohnis drehten heute extrem am Rad, so ein Chaos und Durcheinander in den Köpfen hab ich bisher noch nicht erlebt. Zehn Nasen, die konstant auf mich einreden, fordern, verweifeln, weinen, schreien. Kam daher erstmals kurz an meine Grenzen (als Kindergärtnerin oder Lehrer könnte das zum Tagesgeschäft gehören).
Tja, die fiesen Sonneneruption fetzen hier robust rein, bei den Feelers…
Hab, nach fünf Spätdiensten am Stück, morgen frei – dann, am Freitag, Frühdienst (raus um 3.45h); ich verbringe morgen meinen ‚freien‘ Tag damit, für B. (den ich stets mit Musik von den Oberkrainern aus meinem »Smart«-Phone wecke – ich liebe ihn [und er mich, daher bin ich seit Dezember sein Bezugsbetreuer]) Weihnachtsgeschenke zu besorgen, da er mit S. (seinem Bruder und Vormund – und Boule-Buddy von uns seit diesen Sommer) Samstag früh nach Berlin in die Weihnachtsferien entfleucht.
Bin nach der Arbeit auf Ruth durch den Regen nach Hause geradelt, obendrein im fiesen Gegenwind. Die Tatra-Trams neben mir machten derartigen Lärm, dass ich körperliche Schmerzen empfand.
»Lord, give me silence, please!«
Sollte ich raus nach Parthenstein ziehen, zu Ulli L.? Oder zu El Jorge nach Memleben?
To be discussed…
Zu Smart-Meters könnte ich mich äußern, klar, und zu volatilen Stromtarifen.
Zu Panzer-Ulla, bzw. Zensur-Uschi (von der Leyen) auch. Jedoch fehlen mir Wille und Kraft.
Musik hilft. Immer.
M83 (aka Anthony Gonzalez) hat gestern einen neuen Film-Score raus gehauen (»Ressurection«) – spätestens Track 9 (warum immer die Neun?) hat mich dann letztlich re-kalibriert.
Alles ist nun wieder gut.
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Briefe an die Töchter (XI)
Traf mich vorhin mit P. Er hat sich ein fancy Audio-Interface für sein Studio-Setup auf ebay geschossen. Allerdings: Ein sog. Thunderbolt-2-Kabel war nicht dabei, um das Teil mit seinem Macbook zu verbinden. Ich hatte noch eins in der Schublade und gab es ihm gerne. P.: Happy.
Ich fragte ihn anschließend, ob er sich mit meinem Ensoniq-SQ-1+-Synthie angefreundet hätte; ich lieh es ihm letzten Herbst, er wollte mal gucken, ob es was für ihn wäre.
»Ich hab’s im Sommer für 150€ verkauft…«, war seine Antwort.
Nun war ich berechtigt ein wenig pissed. Es war, wie gesagt, eine Leihgabe zur Probe. Und er hat meinen Synthie verhökert. Es erinnerte mich entfernt an die Nummer damals, mit S., der jene antike Espresso-Maschine (ebenfalls nur eine Leihgabe) ungefragt weiter reichte.
P. war sichtlich getroffen wegen dieses Missverständnisses. »Hey, wie wär’s, ich geb dir 80€ vom Verkauf weiter.« Um Knete ging es mir jedoch nicht, ich hege sentimentale Gefühle für den Synthie. Und ich war enttäuscht, dass er mich vor dem Verkauf nicht einmal in Kenntnis gesetzt hatte. Ich ließ den Schmerz kurz sacken und fragte ihn: »Hattest du Knete-Probleme, im Sommer, brauchtest du das Geld, war es eng?« P. antwortete knapp: »Ja.«
Ich begriff. Kein Groll mehr. Alles zwar doof, aber okay, für mich.
Statt auf monetäre »Wiedergutmachung« zu setzen, machte ich ihm folgendes Angebot: »Pass auf, statt mir nun eine ‚Entschädigungsleistung‘ zu zahlen – ich komme vielleicht, irgendwann, muss nicht sein, in eine Situation, wo ich Probleme habe. Knete, persönliche Sorgen, was auch immer. Ich fände es schön, darauf vertrauen zu können, dass du dann – hypothetisch – für mich da bist. Dass ich weiß, wenn’s eng wird, kann ich auf die eine oder andere Art auf dich zählen.«
Ich berichte dann weiter von meiner Freundschaft zu S., mit dem es seit ever ein unausgesprochenes commitment von Give-And-Take gibt.
P. willigte erleichtert ein. Ich bin mir sicher: Ich kann auf ihn zählen.
Und da er nur noch 50 Cent in der Tasche hatte, gab ich ihm das nächste Bier aus.
»A friend in need is a friend indeed.«
Briefe an die Töchter (X)
Es muss wohl so 2013/14, gewesen sein, als Wörsi – mein Über-Coach, damals in Köln – mir gegenüber äußerte, er sei froh darüber, dass ich offenbar den Weg in den sicheren, normalen Pfad zurück gefunden hätte – und nicht das Eremitentum wählte.
Es war eine wohl nur kurze Episode.
Nun bin ich froh und dankbar, dass ich doch in den Wald gezogen bin.
Denn dort bin ich gar nicht allein, sondern bei mir.

»Die Bilder, die sich von jedem Aspekt des Lebens abgetrennt haben, verschmelzen in einen gemeinsamen Lauf, in dem die Einheit dieses Lebens nicht wiederhergestellt werden kann. Die teilweise betrachtete Realität entfaltet sich in ihrer eigenen allgemeinen Einheit als abgesonderte Pseudo-Welt, Objekt der bloßen Kontemplation. Die Spezialisierung der Bilder der Welt findet sich vollendet in der autonom gewordenen Bildwelt wieder, in der sich das Verlogene selbst belogen hat. Das Spektakel überhaupt ist als konkrete Verkehrung des Lebens, die eigenständige Bewegung des Unlebendigen.« – Guy Debord (1967)
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Briefe an die Töchter (IX)
Hab‘ Dank fürs Teilen deiner Gedanken und Gefühle. Das zeigt Mut und den Wunsch nach Verbindung.
Dazu möchte ich dir einiges zurückspielen. Und zwar von meinem Weg (der brutal steinig und schmerzhaft war) – und den du mir bitte, bitte nicht nachfolgen sollst (Epigenetik, kindliche Prägung etc.)!
Seit ich denken konnte, fühlte ich mich falsch. Ein Fehler. Ausgestattet mit einem Makel, den ich nicht verstand und mir auch niemand erklärte. Also akzeptierte ich resigniert mein offensichtliches Schicksal (Stichwort: Glaubenssätze). Alles, wirklich alles – Freundschaften, Beziehungen, Jobs – war von dieser Prämisse (ich bin ein Fehler) geprägt und manifestierte derart meine Realität: Ich wollte physisch verschwinden (Anorexie), Freundschaften blieben oberflächlich, Beziehungen scheiterten aufgrund meiner subtilen Manipulation, im Job ging es auf und ab. Ich bewies mir unbewusst, dass mein Glaubenssatz also stimmt. Er vergewaltigte mich – und ich dadurch mein Umfeld.
Dann kam die Epiphanie in Form jener Thüringer Eiche – und mein Glaubenssatz wurde zu Staub.
Ich war erleichtert, befreit. Aber auch immens beschämt. Weil ich erkannte, dass ich unnötiges Leid erzeugt hatte, über Jahrzehnte. Für mich. Aber auch andere.
Ja, ich war und bin vielleicht anders, als andere. Das ist normal. Aber ich war und bin auch in Ordnung und okay. Ich begriff, dass ich mein So- und Da-Sein, meine Gefühle, meine Gedanken, zu sehr habe von außen, anderen, Fremden hab steuern lassen.
Meine größte Angst war, nicht liebesfähig zu sein. Also ein verfehltes Leben zu leben.
Das hatte ich mir jahrelang eingeredet, aufgrund unausgesprochener Signale anderer, die ihre Traumata nicht bearbeiten konnten, aus unterschiedlichen Gründen.
Diese Zäsur, damals, führte mich vom Außen nach innen. Der Prozess, meine Liebesfähigkeit zu entdecken und zu entwickeln, ging zuerst über Annahme und Selbstliebe. Wie kann man jemand anderen, einen Baum, einen Kranich lieben, wenn man sich nicht mal selbst umarmen kann? Antwort: Gar nicht. Meine Hauptarbeit bestand darin, Selbstliebe nicht mit Egoismus, gar Egomanie (B. warf mir das damals vor – „Du egomanes Monster!“; O-Ton) zu verwechseln. Erst so konnte ich meine eingebaute Empathie stärken. Und diese Empathie verband und verbindet mich nun mit dem Gegenüber. Andererseits beschenkt sie auch mit realistischer Distanz. Und macht mich so unabhängiger von Bewertungen von außen. Ich bin okay, du bist okay. Lass uns schauen, ob es Schnittmengen gibt. Mit dem Wunsch, dass das Gegenüber – wenn Schnittmengen vorhanden sind – aufgrund meines So-Seins ein zufriedeneres Leben führen kann, als ohne meine Gegenwart. Natürlich gibt es auch antagonistische Kräfte, manchmal sind sie auch toxisch. Dann ziehe ich mich (aus Verantwortung, Liebe) zurück. Solche Menschen habe ich ein Stück weit begleitet; und sie mich. Dann kommt man an eine Grenze. Und Beziehungen verändern sich. Oder werden auf Eis gelegt. Aber: Das Leben ist stete Veränderung, kein langer, ruhiger Fluss. Worum es geht, ist, sich dieser Wellenbewegung anzuvertrauen.
In der Trennungssituation, damals, wusste ich intuitiv, dass dieser Kampf, Krampf, Verletzungssumpf, vorübergehend ist. Es pegelt sich wieder ein. Irgendwann. Dies ist geschehen, du warst Augenzeuge. Und ich würde sagen, die Beziehung zu deiner Mutter hat inzwischen eine andere, tiefere Qualität, als noch zu Ehezeiten. Klingt komisch, ich empfinde es aber genau so (und sie hat das auch mal in etwa so formuliert, in einem Telefonat, das wir führten).
Der Kleine Prinz.
Du bist ewig für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast. Du bist für deine Rose verantwortlich. Das gilt sowohl für das Gegenüber – als auch sich selbst!
Der Kleine Prinz (oder die Kleine Prinzessin) stellte sich nie selbst in Frage. Er/sie ruhte in sich selbst. Er/sie blieb das neugierige, authentische Kind, das einfach auf einen Planeten geplumpst ist.
Warum dieser lange Exkurs? Ganz einfach:
Es beginnt alles mit Akzeptanz und gesunder Selbstliebe, dies ist die Voraussetzung für alles weitere.
Und dies ist dein wahrer Handlungsspielraum, frei von äußeren Faktoren. Unkaputtbar, quasi. Deins. Unabhängig. Frei. (Das ist das, was deine Mutter knapp und prägnant – wie’s ihre Art ist – meinte: deinen Platz finden.)
Wenn du bei dir bist, erkennen dich auch andere. In deinem So-Sein. So erst können sie wirklich resonieren (wie F. kürzlich, der Quantenphysik-Ingenieur, als er mich mit dem Worten »Ich mag dich!« in den Arm nahm).
Präsentiere dich der Welt, in all deinen Widersprüchen und Stärken. Sei verletzlich und »zeig deine Wunde«.
Deine Begegnungen und Entwicklungsschritte, über I. zu R., sind Geschenke, Leuchtfeuer, die dir den weiteren Weg weisen: Coming home. In und zu dir.
Winke, um dir klar zu machen: Du bist einmalig, besonders, unersetzlich.
Und du hast alles in dir eingebaut, ab Geburt, um glücklich zu sein. Um vollständig zu sein, brauchst du nur Vitamin D, gutes Essen, verbindende Beziehungen zu anderen, eine Idee, warum du hier bist (Job etc.). Und natürlich einen guten Stuhlgang :)
Meint: Wenn du dich selbst umarmen kannst, wie du andere (Kerls) umarmen möchtest, ziehst du automatisch jene an, die wahrhaft in Resonanz treten. Also: Kein Wiederholen von (frühkindlichen) Traumata und Inszenierungen deines vermeintlichen Opfertums mehr, sondern Augenhöhe – besser: Herzhöhe. Dann wird alles leichter.
Natürlich wirst du auch traurig sein, zwischendurch. Ungeduldig. Frustriert. Das gehört dazu, zum Leben.
Schmerz ist unvermeidbar, Leid aber für Idioten.
– Murakami Fang an, bzw. mach damit weiter, dir eine andere Geschichte von dir selbst zu erzählen.
Vertraue auf deine Intuition, dein tiefes Wissen.
Mit diesen Worten eines Franzosen, der mich sehr beeinflusste, möchte ich metaphorisch enden:
Sicher werden sie deine Adverbien zählen, deine Obwohls und die Länge deiner Ellipsen messen… Das ist ihr Job. Aber du, du schneiderst dir kein Abendkleid, du schreibst ein Buch! Kümmere dich nicht darum, was man über dich schreibt, ob gut oder schlecht. Meide Orte, an denen über Bücher gesprochen wird. Höre auf niemanden. Wenn sich jemand über deine Schulter beugt, spring auf und schlag ihm ins Gesicht. Schwing keine Reden über deine Arbeit, es gibt dazu nichts zu sagen. Frag dich nicht, warum und für wen du schreibst, sondern denke, dass jeder deiner Sätze dein letzter sein könnte.
— Philipe Djian, Pas de deux (1991)