26.03.2017

Äquinoktium
 
 
wein in den schlaf hinein
sinnlose illusion bedrängt
kopf lächelt haut leben tot
klammert leere langeweile
heuchelt klein das konzept
von fahrrad küsst frühling
betrug schönen scheiterns
samstags ziellos umarmen
im märchenpark besonnen

24.03.2017

Transitterror
 
 
Angst isst Knochenmark
fräst sich lautlos Richtung
Hirn schlägt Zähne aus dabei
vielleicht und das Gesicht zu Brei
entstellt ohne Erinnerung alle Zukunft
endlich ein missratener Sonnenuntergang
die Liebe mit Verfallsdatum wohl und trostlose
Kindertränen voll Neid auf Unmögliches und alles
fragt warum ich umarme dich zärtlich mein Bruder
ohne Worte ohne Antwort.

21.03.2017

Frei nach Heidegger
 
 
Surrender (engl. für: aufgeben oder kapitulieren [letzteres wiederum aus dem Lateinischen capitulum – kleiner Kopf; diesen einem Gegner hin halten bzw. einen Kopf kürzer gemacht werden, sterben]).
– Eigentlicher Ursprung im Altfranzösischen sur rendre: zurück geben.

Aufgeben meint somit: etwas zurück zu geben; etwas, das nicht mehr ist, war oder sein wird, bzw. könnte. Ein Loslassen von Ideen, Erinnerungen, Hoffnungen, zum Beispiel – konkret, möglicherweise: ein Zuhause, einen Beruf, eine Liebe, zahllose Phantasien, einige Haare, eine Schlacht, ein Leben, sein Leben.

Aufgeben heißt in dieser Lesart also, etwas Substantielles zu opfern.
Was bliebe dann noch, letztlich?
Nichts mehr zu verlieren.
Demnach totale Freiheit.

Substantiviert man allerdings aufgeben wird daraus: Aufgabe.
Und dieses Wort wiederum enthält: Gabe.

So und in Gänze betrachtet könnte surrender auch bedeuten, es gäbe nichts mehr zu verlieren, etwas stirbt, wird geopfert, eine Gabe auf sich genommen – und dann etwas aus totaler Freiheit zurück gegeben.

(Note to self: Am Nullpunkt angekommen sieht der Himmel von unten am schönsten aus.)

20.03.2017

Traumwipfelpfadende
 
 
Ausfahrt Ground Zero und sonst nichts
als surrender wollen dürfen müssen
stürmischer Stock erst in Elle dann Speiche
macht fertig mich lass anschließend fixen
meine Glaubenssätze gleich Blitzbeton und
einen schicken Neustrick wagen vielleicht
etwas wie Baugesetznäsl.

Geschichten sind es doch wir erzählen
sie uns als ungebremsten Aufprall:
Erinnerung.

Der Monstertruck von hinten
schiebt mich ich schiebe Nitro nach
in seinen Tank der kleine Franzose
himmelschreiendes Fenster oben kreuzt Schiene
Funkenflug rammt Tram das Kassettendeck
zermalmt innen stirbt Musik wie:

Erinnerung
an todgeweihte Kinder mit Entengrütze
in der Lunge mir verrecken im Arm
eine Nummer ewig wahlwiederholt
zur Zugmaschinenfahrerkanzel beichte ich mich hoch
greife Zöpfe bis unters Knie am Steuer sitzt sie
warmlächelnder Vulkan mit Zahnlücken
bombenkratergroß vom Sommer gesprosst
schulterzuckt sie zuckersüß:

Mädchen mit Kupferdraht zu Gott
ihn entreiße ich ihr Strichcoderätsel aber
gebiert im Sekundentakt dieses Gelöt und
Geduldsfäden reißen aus diesem Dickicht
muss ich raus ohne Angst lächelt sie dann
auch ich lache wechselnd das Programm.

14.03.2017

(H)ALO (S)PECIA(L)
 
 
Räudig rennt der Fuchs
frühlings rund im Kreis
mit ungewolltem Heiligenschein
das halt ist der Preis
für Highly Sensitive Living.

Das flauschige Fell flockt von ihm
büschelweise durch den Wald
matt und rostig und gestorben –
zarte Antenne war es einst
jetzt ohne Empfang und sinnlos geworden.

Vier andere Haare hatte er gesammelt
Aschenputtel ließ sie fallen
ein jedes davon lang und
schwarz und schön und
voll duftender Erinnerung.

Der Reinecke mag Bilder
Sprache ist nicht so sein Ding
Worte sind wie Viren – bestenfalls
krallen sich in Herz und Hirn
und furunkeln wie ein Überbein.

Also steht das erste Haar
für seine neue Sichtbarkeit
Keine Tarnung mehr noch Mimikry
ungeschützt, verletzlich gar
doch eigentlich ganz wunderbar.

Das zweite – das erinnert ihn
an die Angst vor dem Verlust
an den lonesome wolf in ihm
der er glaubt zu sein – aber:
»Unsinn!«, nimmt er sie lachend an.

Nackte Haut für tiefen Blick
das sieht er dann beim dritten Haar
Blank ist der Hinterkopf und rein
bombt Wege frei – mit Leichtigkeit
zu Gefühl und zu Ideen.

Das vierte und das letzte Haar
steht für Vergangenheit
all das, was war und nicht mehr ist
alte Zöpfe, filzig und vergiftet –
ab damit und tief vergraben.

So tanzt der Fuchs bald nicht mehr
fürchterlich umher im Unterholz und ängstlich
nein – er zeigt sich fröhlich dann
und munter mutig auf der Lichtung
so stolz und ganz authentisch.

09.03.2017

Metamorphosen
 
 
Genüßlich wetzt der Wolf
den Elfenzehenknipser
»Hexenhäutung steht nun an!«
so hänselt er die Gretel.

Vorher aber noch ein
Stück Großmutterkuchen
groß wie ein Wagenrad
mit Jägermeisterpunsch gespickt.

Die Fuchsschwanzkatze grinst
ihr Grinsen auf der Lehne
des Moosflechtensofas
im Trutzburggraben-Süd.

Still und daneben liegt
die Zahnseidenfee im Dunkeln
mit Herzkammerflimmern
von Leberlappen bloß umhüllt.

Und oben beim Schloß im Norden
ertönt ein Platzen im Morast
den Kokon hat gesprengt ein Engerling
fern ist der Mai, die Zeit jedoch reif.

06.03.2017

The Counselor
 
 
Alles
sehen
fühlen
verstehen aber
nichts bewerten
trotz Verlangen
nach Ausgleich
und dies alles
zum unschlagbaren Preis
existentieller Einsamkeit.

Bei der Berufung Augen auf
oder eben zu und durch.

12.02.2017

Jeder von uns
 
 
Aufwachen möchte ich
neben dir
wittern Nähe und Wärme
erhaschen deine Seele
in den Augen
zunächst
schlafen dann
mit dir
und sie so liebevoll
tatsächlich berühren.

Später ein Spaziergang
in klirrendem Schneewind
unsere Ohren warmeinander
leichtfüßig schweigen
gemeinsam
alles ist
bereits gesagt.

Kaffeelokomotiven
in der Hand
am Fenster stehen
danach und zusammen
hinunter blicken
auf die Straße
wo Kinder sinnlos toben
zwiegelichtet und
im Moment leben und
nur dies
mein Lächeln:
ein Streicheln
deines Gesichts.

Wenn aus der Ferne
ich kommen sollte
zurück
irgendwann
vielleicht und
auch der Zug
zum Stillstand
im Bahnhof:
dann bin auch
ich ganz still
spüre dich wartend
auf dem Sehnsuchtsponton
mit Tränen in den Augen
rennst du entgegen mir
umarmen wir uns
kreiselnd
taumelnd
zwei Seelen
vereint.

So verträume ich
meine Tage und mich
Frau Obersturmbannführer
wenn du dich
wie so oft in letzter Zeit
und am Ende auch vielleicht
für immer verschanzt
in deinem Bunkerunterstand –
oder meinst
dies tun zu müssen
oder nicht weißt
was du willst
oder nicht fühlst
was du sehnst
oder ob ja
oder ob nein
oder und
ob überhaupt –

wie auch immer
meine Liebe
ich gebe sie gern
sich selbst verschwendend
sich selbst erneuernd
bis vielleicht jemand kommt
jemand anderes mir
freundlich auf die Schulter klopft
von hinten
unvermutet jedenfalls
seine Liebe
mir schenkt
und die meine nimmt
einfach so
so selbstverständlich
voller Leichtigkeit
und zweifelsfrei
weil er kann
weil er will
weil ich es wert bin
wie jeder von uns.

08.01.2017

Demut

 
Eiskristalle tanzen
wie Sterne – nein, Verliebte!
selbstvergessen, schwerelos im
Quarzdampflicht vor’m Fenster

Dahinter und ganz leise:
Ein Ständchen!
Strahlendklar verneigt sich
Madredeus mit Musik
fasst sie bei den Händen
umkreist sie zärtlich und so sanft

Und meine Hand
sie zögert, lange
und dann lacht sie:
Diese Zigarette – nein,
die landet nicht
im frischbezogenen Bett
des jungen, weißen Schnees