17.10.2017

Haiku (XVII)
 
 
Spielerisch entmannt:
  Zärtlicher Blick, nicht auf dich.
Jedoch ein Lächeln.
 
 

11.10.2017

Lisboa constrictor
 
 
Atlantikendlos wienert
Windwarme Wehmut
Fadofade Streifenpflaster
Von wundgelegenem Asphalt

Erinnerung: dein Schneckenhaus
Fluchtpunkt verflucht ein
Wunschlaster voll Wonne dein
Lustgewinn durch Verzicht

Bleibt übrig bloß:
Demut annahmsweise
Tränenschlucken fürs
Sternespucken dein
Ersehntes Vielleicht

Als Einsatz:
Alles auf Rot
Ein Satz
Voller Zweifel
Zweifellos

17.09.2017

Momente (I)
 
 
(1)
Rote Punkte haben ihre Strümpfe, das kleine Gesicht: so müde. Viertel nach sieben, auf dem Weg zur Schule, freitags, die Woche war lang. Mit dem Rücken zu ihr: die Schwester, ein Pferd aus Plüsch und speckig lugt aus dem Ranzen heraus. Ganz zärtlich, als hätte das Stofftier Angst, streichelt sie die Mähne, küsst sanft das Ohr, flüstert Worte voll Trost, schmiegt sich an, spendet und findet Wärme. Einige Menschen in der Tram blicken zu Boden, offensichtlich tief gerührt, sie möchten vermeiden, dass jemand dies sieht.

(2)
Erste Klasse im ICE nach Köln. Der Servicemann verteilt Weingummis an erfreute Kinder. Auf dem Boden, im Gang vor den Türen, wo ich stehe: ein kleines Häufchen Elend. Zusammengekauert über Rucksack und Jacke, das Smartphone in dürren Händen, die Wangen rot, die Augen verquollen und nass, sitzt sie am Boden und vertraut Leid und Trauer dem metallenen Gerät an. Ich bin nicht da. Für sie.

(3)
Er stürzt sich regelrecht in die Gespräche, am Feuer, an dem wir stehen, die Flammen zeichnen flüchtige Schatten auf seinem Gesicht. So flüchtig, wie das kurze Leben seiner Tochter, die ebenfalls stürzte, von einer Brücke. Vor zwei Monaten. In den Tod. Sich.

(4)
Ihr Lächeln ist mysteriös wie ihr Schweigen, das jetzt zwischen uns steht. Sie ist Imkerin, der Vater ihres Sohnes ein Nichtsnutz, säuft sich tot. Drei Bienenvölker musste sie vor Kurzem verbrennen, sie waren krank und Gefahr für die fünfundfünfzig anderen. Zwei Tage hat sie geweint, sagte sie, deswegen. Ihr Blick ist voller Kummer. Und Sehnsucht. Davon erzählt sie nichts.

(5)
Es zerreißt ihm das Herz: das Glück, des anderen, es zu sehen, zum Greifen nah. Glück und Liebe, die er einst teilte. Mit ihr. Nun jedoch unendlich fern. Seine Finger haben Mühe, aus Tabak und Papier eine Zigarette zu fertigen. Es scheint, als würde ihm das alles entgleiten.

(6)
Rücklings fällt er in den Brombeerbusch. Es geschieht im Spiel, er lachte laut und verstummte schnell, nun weint er. Der Vater entfernt ihm Dornen aus Gesicht, Händen und Beinen. Seine Worte, nach ein paar Sekunden, in einer Sprache, die ich nicht verstehe, zaubern dem Kleinen ein Lächeln ins Gesicht, dann ein befreiendes Lachen aus der Kehle. Tränen kullern seine Wange hinab. Wüsste man nicht, was vorher geschah, sähe man einen Jungen, dem die Tränen kommen – vor Freude.

10.09.2017

September Song (II)
 
 
Herbstnebel keine
Nähe nährend
Kein Pflaster als
Trost Sex so
Schön wenn
Vorüber Seelen
Wundgevögelt
Im Ozean der
Stille vereint
Wachen
Lesen
Lange Briefe
Der Sommer
So groß
So weit
So gut
So fern
 
 

06.08.2017

Haiku (XVI)
 
 
Kafka grinst verschmitzt.
  Ein nackter Mann im Garten.
Sommerleichtigkeit.
 
 

30.07.2017

Haiku (XV)
 
 
Halb Gitterstäbe –
  die Streifen Deines Kleides.
Allein. Im Sommer.

19.07.2017

Haiku (XIV)
Für J.S.S.
 
Seelenwanderung.
  Unruhig, tastend, harrend, ach –
Der Große Geist lacht!
 
 

12.07.2017

Lacrime dolci
Für Frida
 
Streichle meinen
Rücken bitte
Sagt sie atmet
Ein und schmiegt
Sich an mich fest
Vertrauend umarmt
Die Hand ein kleines
Herz ein Klopfen
Spürt Haut so zart
Wie jene Stimme
Die nun flüstert
Grad so laut
Dass ich es hör’
Ich liebe dich

Den Tag atmet sie
Aus schläft ein
Mit ihrem Einhorn
Im Mund schmecke
Ich eine Träne
So süß ist sie
Und heilsam

07.07.2017

Im Juli
 
 
Stukas im Wind diese Schwalben
Tollkühn zerfleddern die Frisur
Auch Mauersegler am Kanal wo
Geflüchtete Zuflucht finden und
Die Boom-Box Hip-Hop säuselt
Sanfte Kanak-Sprak in aller Ohr
Das Blut der Mund die Nase
Voll mit einem anderen Grase

Straßen lächeln sich aus
Transpirierende Asphaltfalten
Wohlriechend besonders die
Frauen freudig in Erwartung
So anmutig & rund & braun
Bekriegen sich Linde und Lavendel
Um Lufthoheit olfaktorische
Erinnerungsboxen voll Wassereis
Und Chlorgeschmack das Rotgesicht
Erfrischt in städtischer Brunnengischt
Kühl sind Kopf und Wange
Eiswein heisst der Retter

Das Herz das Herz jedoch und ach –
Es klopft so mörderisch in Samt
Ein Waldbrand gierig, gütig, übermütig
An der Stechuhr wartet schon die Sonne
Kein Salz auf vertrautfremder Haut
Nur ein Sinken in zwei Kissen
Nachtigall ick hör’ dir trapsen

Eines davon
Ja, das ist
Eindeutig
Zu viel

30.06.2017

Lass uns nicht von Sex reden
 
 
Es ist schön
Dass es dich gibt
Sagt sie und
Eine andere
Sagt dies auch
Zu mir bist ein
Schöner Mann
Flüsterte an meinem
Ohr eine weitere

Doch Männer waren es
Die ich küsste zwei
Auf die Wange und
Einem Hund gar die Nase
Weiche Gesichter
Die ich berührte
Vorher

Vorher war anders
Regeln unerfahren
Erahnt
Allein:
Nun geht’s heim
Gewichtslose Arabesque
Ein Pfund Leichtigkeit bloß
Dramaturgie wie
Musik Tanz Poesie
Beglückendem Sex ähnlich
Dieses Leben

Liebe ist die Antwort
Angst stellt falsche Fragen