26.04.2017

Haiku (VII)
 
 
Generalprobe,
  für einen letzten Abschied.
Musik weint im Licht.

24.04.2017

Der Job (aktualisiert)
Für Wolf W.
 
 
Wenn jemand dir weh tut
schau ihm in die Augen
oder ihr
suche darin und finde
das geheime Wort
buchstabiere es
sprachlos
Zeichen für Zeichen
bis waidwund das Wesen
seinen Namen dir flüstert
im Vertrauen

Dann umarme es
sanft wie eine Mutter
stark wie ein Vater
mit der Leidenschaft
einer Meerjungfrau
opfere deine Zunge
 
 

23.04.2017

Haiku (VI)
 
 
Niemands Sprache da
  Worte viel-mehr erscheinen
als lautes Schweigen.

21.04.2017

Kein Entkommen
Für Chrishna
 
Brüderchen komm
tanz mit mir
wir spielen die
Angst aus gegen
alle Konvention
sind sattgesehen
an Illusion
wir wählen
Grundvertrauen
bedingungslos
scheißen auf
Sicherheitssysteme
und ihre Signale
halten uns fest
am Walzer im Fluss
am Kamm der Welle
sind Wind im Buchs
Hafen Barke Ozean

Freiheit tobt dort
wo Liebe wächst
furchtlos ziellos
grandios endlich
verdammt
im Moment
und glücklich

Niemand kommt
hier lebend raus
mit einem Lächeln
ohne mutig vorher
gelebt zu haben
 
 

19.04.2017

Haiku (V)
 
 
So kalt ist der Tag,
  die Hand flieht in die Hose.
Warmes Weingummi!

18.04.2017

Gebrauchsanleitung
 
 
Straßenlaternen treten
ihr Licht freiwillig aus
Das passiert beim Passieren

Im Halbschatten des Scheins
ein Clown auf der Flucht vor
verkacktem Zaubertrick

Der Schamane schämt sich
erwachsen nie Kind gewesen
In Unverständnis gebrochen
Buxe voll geschissen und
als Seelenölung angepriesen
berechtigt abgewiesen

Aufmerksamkeitserpressung
schluckt Gefühle wie ein
Helmholtzresonator Schall
Entropie in Einsamkeit
Ein Empathieembargofall
So vergangen
abgehangen

Menschwerdung
Ganz einfach
Umarmung

15.04.2017

Oster-Oratorium
 
 
Disneybunte Gummischuhe
pürieren das Trametenfleisch
Knirpse tragen sie am Fuß
wie Ahab attackieren sie
ein Walgesicht im Wald

Flattrig schmatzend erstickt
der Pilz in Fetzen rotzt sich
trotzig aus dem Leben
hat schon genug gesehen
und von den Müttern auch

Rauchzittrig ihr Blick
der Nacht entgegen
leblos abseits stehen sie
sagen hören denken nichts
wenn dann wohl ans Abendbrot
und den Beischlaf den verhassten
der ihnen danach droht
an Osterhasenohren werden sie
heranhinabgezogen bald

Fünfzig Zwiebelhäute Einsamkeit
schälen sich wie Schlundegel
aus Falten ihres Angesichts

All dieser Schmerz
blutet als Sturzbach mir
durch unvernarbte Hasenscharte
Ein Notruf wurde abgesetzt
bereits und schnell erhört

Nicht Rettungskräfte
eilen heilig herbei
Frontfrauen sind’s
verschiedenster Kriege
wie magnetisiert und mir
als wär’ ich ein Be-Freier
in diesem Danse Macabre
unserem Mauerblümchenball
stillgelegter Herzen

Verlorenheit
und Kampf
und Mitleid
sind des Unglücks
Unterpfand

Tochters erster Kuss
schrapnellt mir
in den Kopf
erinnert und
verkümmert mich

Die Lust
die Furcht
die Pein
Wenn’s bricht

Was weiß ich
Nur dies
Was ich weiß
möcht’ ich fühlen
Nicht mehr
In Armen
Amen
 
 

14.04.2017

Immernoch
Archäologische Fragmente
 
1.
»Du erwartest etwas von mir, das ich dir nicht geben kann«, sagst du und berührst meine Lippen mit dem Mund, aber es ist kein Kuss.
»Vielleicht könnte ich dir etwas geben, was du nie erwartet hättest«, denke ich und nippe stumm an meinem schwarzen Kaffee, um den süßen Nachgeschmack zu beseitigen.

2.
In der Nacht, in der ich mit dir in einem Bett aber neben der Decke lag und nicht einschlafen konnte, beobachtete ich dich, wie du langsam in die erlösende Dunkelheit sankst, wie sich deine Augen unter den Lidern zur Stirn bewegten, wie du mit jedem Atemzug mehr meinen Geruch in dich einsogst und ich wartete darauf, dass du anfängst zu husten.

3.
Du sitzt auf dem Boden und liest meine Texte. Langsam und leise nähere ich mich dir von hinten, berühre sanft deinen Rücken. Du zuckst zusammen. Obwohl du mich schon so lange in den Händen hältst.

4.
[…]
Beim Versuch das Gehirn auszuquetschen
wünschte ich mir vier warme weiche Hände
[…]

5.
September Song
Ohne zu wissen, wie er dort hin gelangte, erreicht er den Tempel. Die Pforten stehen weit offen. Völlig unvorbereitet stößt er auf etwas Heiliges. Er sieht es ganz klar, es ist keine Täuschung, es macht ihn sprachlos – zu wissen: Ich bin angekommen. Ein merkwürdiges Gefühl, etwas zu finden, von dem er gar nicht wusste, dass er es sucht. Diesen Moment hatte er sich anders vorgestellt. Großartiger, erhabener. Ähnlich dem erlösenden Schrei einer entjungferten Braut in der Hochzeitsnacht. Er hat keine Ahnung, was er jetzt tun soll, sein Kopf ist leer wie ein Kürbis an Halloween. Was er tun will, das flüstert sein Herz jedoch mit jedem Schlag. So deutlich, dass er erschrocken zusammen zuckt. Doch niemand außer ihm bemerkt es. Er erinnert sich an den letzten warmen Tag des Jahres. Die Luft troff bereits kühle Feuchte, die Sonne scherte sich einen Scheiß drum, war blendend gelaunt und tat geradezu so, als wäre der Sommer noch jung. Er saß in der Küche, regungslos, das einzige in Bewegung: der Rauch seiner Zigaretten, ihr Qualm in hübsche Scheibchen geschnitten von den Strahlen, die durch die halbgeschlossene Jalousie drangen, irgendwie verloren. Er hörte Musik. Und nichts sonst. In unregelmäßigen Abständen traten ihm Tränen in die Augen. Er war nicht traurig. Er war ergriffen von dem, was er hörte; aus den Lautsprechern, aus seinem Inneren; war überwältigt von der Schönheit, die durch den Raum schwebte und von der er nicht wusste, warum sie ihn derart berührte. Es brauchte nur einen bestimmten Ton, eine Melodie oder diffusen Klang und es wurde still in ihm, endlich. Er fühlte sich gesegnet, als beugten sich die Götter gnädig schützend über ihn. Die Musik durfte nicht enden. Er verharrte zwischen den Lautsprechern, bis der neue Tag trotzig zwischen den Häusern anbrach. Dann erst konnte er einschlafen und traumlos träumen. Jetzt aber hört er keine Musik. Irgendein Idiot hält länger als nötig seine Pranke auf die Hupe und übertönt alles. Sie stehen sich gegenüber, auf der Fußgängerinsel, zwischen den Spuren, es wird allmählich dunkel und er weiß, dass er sich entscheiden muss und niemand ihm dies abnimmt. Die Ampel springt auf Grün. Doch nichts geschieht. Eine tiefe Ruhe kehrt ein, der Verkehr kommt zum Erliegen, alle Autos bleiben grundlos stehen, sämtliche Passanten frieren in ihren Bewegungen ein und zwei Blicke begegnen sich. Er meint, das Geräusch kollidierender Güterzüge zu hören, doch es ist nur eine Illusion. Dann endlich zieht er sie zu sich, sie lässt ihn gewähren. Er riecht ihr Parfum, es ist leicht und blumig, sie scheint ein wenig zu zittern, wie ein elektrifizierter Aal, knapp vorm Kurzschluss, er küsst sie, sanft auf die Wange, unterhalb des Ohres, ihre Haut ist weicher als er dachte, hätte er sich je darüber Gedanken gemacht, er versinkt in ihrem Gesicht, taucht ab in glitzernde Tiefen, ist plötzlich eins und leer und voll, zugleich Jesus und Judas und schließt die Augen. Als er es wagt, sie wieder zu öffnen, bricht der Verkehrslärm über ihn herein wie Lava eines zornigen Vulkans, ein Junge pfeift ihnen nach und ihm wird schlagartig klar, dass nun alles vorbei ist. Endgültig. Er bereut nichts.

12.04.2017

Haiku (IV)
 
 
Zur Unzeit geküsst?
  Und Nächte nie mit Morgen?
Wir wissen es nicht.

08.04.2017

Rappelle
Für Lili
 
 
Still: Unsere kleine SchwesterDer Horizont schien endlos, das Himmelsblau unermesslich, nichts gab es, deinen Blick zu trüben, selbst die Tränen nicht, in deinen Augen, kaum zu sehen, nur von nahem, des stillen Glücks, jenes, das Worte nie wird beschreiben können, glitzerten, neugeborene Diamanten, die der Wind dir schenkte, von irgendwo, aus unbekannter Ferne vielleicht, beiläufig hingetupft, die Welt, sie amtete Leichtigkeit, Verheißung, in jeder Sekunde, die tagelang währte, und dein Herz, so groß, so weit, fasste alles, sprachlos, dankbar, du vergaßt die Zeit, dachtest, sehntest, dieser Moment dauere ewig, wie das Blütenleuchten in deinem Haar, halten wolltest du es, alles, halten, halten! – dann war es vorbei, entglitten, kein Kuss zum Abschied, nur welkes Laub blieb dir, im Mund, schal und rau und die kristallenen Juwelen: trübe Onyxe nun, facettenlos, die du vergrubst, in dir, voll Trauer und Schmerz, Scham kam hinzu, du wittertest Verrat und Schwäche, deine, und der Horizont wurde schmal, der Himmel grau, die schwarzen Steine lagen und liegen bitter dir im Magen, jedoch: sie schlafen nur und warten, dass du den Blick wieder hebst, begreifst, was du in dir trägst, diesen Schatz mutig hievst, ins Licht hältst, fliegst, lächelnd und frei, dem Wind entgegen, der sie schleift, erneut – wenn du dich erinnerst.