22.06.2017

Haiku (XIII)
 
 
Nun lass ich Dich los,
  mutiger Sprung ins Leere –
fraglich bleibt: wessen.

15.06.2017

Haiku (XII)
 
 
Oh, es ist simpel:
  Tanz nur mutig das Leben –
Verbindung als Spiel.

31.05.2017

Gnade
 
 
Vollstrecke das Ich
Alles meint Nichts
Gedankenimplosion

Erinnerungssplitter
Engel mit Dreitagebart
Oder Blümchenkleid
Aber kein Geflügel

Das bist du
Bist es immer
Schon gewesen

Sonnengeblinzel
Tränenzerstäuber
Funkentanz und
Sprachlosglück

So einfach ist das
Sicher
Vielleicht

Nicht
 
 

29.05.2017

Pathologische Poetologie
 
 
Racheübung bloß
Schmerzstummes
Opfergeflüster
Ein Heimzahlen
Mit Reimzahlen
Exorzismus
Menschlich

Unausgesprochen
Der stille Wunsch
Ausgelacht
Umarmt zu werden
Am innersten Ort
Heilsam wahr
Kein falsches Wort

26.05.2017

Abrechnung
 
 
Existenzielle Einsamkeit ist im Grunde nichts weiter als das Produkt aus:
Da-Sein minus So-Sein mal Ego.
Bekanntlich ist das Ich eine Illusion. Faktor Null.
Demnach und rein logisch inexistent – die Einsamkeit.
Abgerechnet wird jedoch weiterhin erst am Schluss.
 

Wenn ich bin, weil ich ich bin, dann bist Du weil Du Du bist; wenn ich aber bin, weil Du bist, dann bin ich nicht ich und Du nicht Du.

— Ein unbekannter Rabbi

23.05.2017

Gegen alle Regeln
 
 
Paare unpassend
in zuckrigem Schmelz
üben den Sommer
stolpern über grüne
Narben ins Lieben

Bademantel aus Samt
samt Frottage am Ofen
Der Abend wirft sich
in Schale der Himmel
zackig gekämmt und
Lachshäppchen am Ohr
bereit zur Erstkommunion

Nur die Kirschen werfen wild
Fallobst trügerischer Stille

Schwalben erschwindeln
sich hoch dank Unterdruck
Ente klatscht fickrig den
Frosch ins Schilfgeschick
Der Warzenprinz opfert sich
Reihers sattem Schnabel
In Wellen lustlos aussortiert
am Forellenschwanz am Ende
wie entglitten so verlassen

Und Schweinebauchschwaden
umhüllen verzückte Mücken
Besoffen die Sowjet-Krähen
Endgültig sind’s Deserteure
Kein Wodka keine Matrjoschka
lockt sie heim ins Reich
der unabhängigen Staaten

Nur joggendes Neon noch am
Horizont als Notwendigkeit
ersehnter Alleinsamkeit

So grundlos liegt der Teich doch
ein Ungeheuer steckt im Schlick
es träumt den Schlaf des Gelinkten

Warte nur
mein Kind
bis die
Nacht sich
erbricht und
ein Fandango
der Fratzen
die Idylle
zerdrückt

Wenn
Frösche flüchten
Fische gefrieren
Dommeln reihern
ins Gebüsch
vor Angst dass
es sie frisst
ausgehungert
wie es ist

Was niemand weiß
Es will nur spielen
zu Regeln die sich
finden womöglich
erst bei Tageslicht

20.05.2017

Haiku (XI)
 
 
Jésus macht sich blau,
  Bodhidharma schließt sich an –
Übergriffigkeit.

18.05.2017

Kollaps
 
 
Leid der Worte
Virengesichte
Taugenichtse
Hilflos
Bei
Leid

Laute
Perlen im
Absichtsnichts
Antwortlos
Fragen
Karambolierend
Verspielendes
Elend

Ach –
Stumpf
Stumm
Dumm
Wie ein Kind
Worte erfinden
Neue vielleicht
Oder auch keine
Für sich alleine
Resonante Gefährten
Im Schweigen
Gebären
Hoffentlich

16.05.2017

Haiku (X)
 
 
Selbstlos hell entflammt,
  heute vor fünfzig Jahren –
Saigon, Nhat Chi Mai.

14.05.2017

Lektion in Demut (5)
 
 
Der Moment, als die Sonne am Rasthof ertrinkt, jedoch nicht so ganz, halb hängt sie noch da, zwischen Spätnachmittag und Abend und kann sich nicht entscheiden und der Wind Dir ohne Vorwarnung eine Kompanie lustiger Fallschirmspringer zuspielt – Freunde von jenen, die Du erst Stunden zuvor mit einem kleinen Mädchen in den Garten entlassen hast, fest pustend und lachend, von einem grünen Stengel, aus dem weißer Saft rann – und diese Dir nun hier und jetzt auf einem Fischgrätbetonpflaster in einem Tanz um die Füße spielt, den kein Choreograph jemals sich hätte ausdenken können, so flüchtig, so leicht und erschütternd einmalig, dass Du kurz überlegst, diesen Augenblick mit der Videokamera Deines Telefons festzuhalten – für Dich, für all jene, an die Du gerade denkst, für die Nachwelt, für wen oder was auch immer – und Du dann, ebenfalls kurz, aber einen gewissen Moment länger, innerlich lachst, da Du begreifst, es ist unmöglich, ihn zu fixieren, kein einziger erlaubt dies und niemals in der Intensität, in der Du ihn jetzt gerade fühlst, deshalb beschreibst Du ihn auch nicht, du wagst nicht einmal den kleinsten Versuch, es zu tun, weder in Bildern, noch in Versen, Du siehst und erkennst und lässt – ein Moment, wie er ist, in seiner Reinheit, erhalten.