Heroes – We can be us, just for one day

Im Zug gesessen. Musik gehört. Geweint.

Offenbar ist es nicht mehr erlaubt, das Wort Schönheit zu gebrauchen. Natürlich, es ist furchtbar abgenutzt. Und dennoch kenne ich die Sache gut. Gewiß ist dieses Urteil über Bäume merkwürdig, wenn man darüber nachdenkt. Was mich angeht, der wirklich nicht viel von der Welt versteht, so frage ich mich langsam, ob jenes »Allerschönste«, das ich instinktiv als solches empfand, nicht das ist, was dem Geheimnis der Welt am nächsten kommt, die getreueste Übersetzung der Botschaft, von der man zuweilen glaubt, sie würde uns zugeworfen durch die Luft; oder, wenn man so will, die richtige Öffnung auf das, was anders nicht erfasst werden kann, auf diese Art von Raum, den man nicht betreten kann, den jedoch sie für einen Augenblick enthüllt. Wenn nicht etwas Ähnliches dahintersteckt, wären wir schön dumm, darauf hereinzufallen.

 
Philippe Jaccottet, in: Der Unwissende

EDIT:

Heroes« is heroism in the face of oppression. It’s something triumphant despite the desparate situation. […] We tried a few ways in looking at it and it always felt a bit like a »bar-band« and I wasn’t very happy. Then I’m started finding some guitar – acoustic guitar samples – that became a sound-texture. And although one of the rules for the record was not to use guitars or drums, it created enough of the mood. So then, having set up this mood, I think is around the time, that we first met John Metcalfe and I started thinking: This guy’s amazing, I’d love to work with him! And then he took that away, took the vocals off and started putting in his own arrangement. And it’s pretty much exactly what he came back with, which I thought was one of the best arrangements – string arrangements – I’d ever heared on a rock song. I think it’s beautiful. Because – without any drums, without any drive of enormous Rock ’n Roll tools, which always seem to keep out of the original song – there’s an enormous tension, that sort of explodes out and which is why I chose it to open the record.

— Peter Gabriel über »Heroes« @ Fullmoon Club Podcast

Der Job (revisited)

Phlippe Jaccottet musste wohl erst 85 werden, damit ich ihn entdecke. Und nun lächelt auch Konstantin Paustowskij gütig von seiner Wolke; macht mir Mut.

Wenn ich doch etwas gewollt habe in diesem Leben, in dieser Arbeit, dann dies: So wenig wie möglich zu mogeln; weder der Versuchung der Eloquenz nachzugeben noch den Verführungen des Traums oder den Reizen des Ornaments; genausowenig den gebieterischen Vereinfachungen des Intellekts oder dem falschen Glanz der Okkultismen, ganz gleich, welchen Schlages. Zu versuchen, dem, was man fühlt, immer so nahe wie möglich zu bleiben, als gebe es wirklich Wendungen, Rhythmen, Worte, die »wahrer« sind als andere; als gebe es, trotz allem, eine Art von »Wahrheit«, die ein, ich weiß nicht welches, Sinnesorgan in uns genauso aufspüren würde wie die Lüge. Und wenn es diese Art von Wahrheit geben sollte, folgte für uns daraus nicht notwendigerweise eine Art von Hoffnung?

— Philippe Jaccottet (2002), im Vorwort zu: Der Unwissende

In loser Folge werde ich hier weitere Texte von Jaccottet einstreuen. Sie sind es wert. Und noch viel mehr als das.

Wack Wolfskins

Dieser Winter ist endlich mal wieder als ein solcher zu bezeichnen. Leider erfolgen dadurch die obligatorischen Gassi-Gänge mit Paul, dem Hund, mitunter nah an der Schmerzgrenze: Meine Winterjacke – einst günstig erstanden in belgischen Küsten-Gestaden – segnet so langsam das Zeitliche und kann dem klirrenden Frost kaum mehr Widerstand leisten.

Was liegt also näher, als endlich robuste und qualitativ hochwertige Marken-Outdoor-Kluft mit allem Zipp und Zapp zu kaufen? So mit Gore-Tex, Hy-Vent und anverwandtem Schnickschnack – so richtige Drei-Lagen-Panzer, die selbst den Kessel in Stalingrad in einen Frühlingstag verwandelt hätten?

Genau. Auf nach Köln. Da gibt’s ja diesen Globetrotter-Mega-Store. So was hat unser verschnarchter Weiler nicht zu bieten. Hier gibt’s nicht mal einen Bäcker. Nur einen Zigarettenautomaten. Leider ohne Roth Händle.

Wäre ich noch Städter, wäre ich natürlich artgerecht mit einem SUV bei diesem Outdoor-Mekka vorgefahren. Doch ich bin seit fast fünf Jahren Landei und komme mit der Bahn. Das ist C02-neutral – hat aber den großen Nachteil, dass sich diverse Karnevals-Schunkel-Kracher in meinem Gehörgang verfangen haben: Diese Siegener Jecken, die breitbeinig sämtliche Sitzplätze des Regionalzugs okkupieren, sind echt eine Klasse für sich und bieten darüberhinaus Stoff für unzählige weitere Stories. Demnächst sicher mehr.

Egal. Ich brauche eine neue Jacke. Warm soll sie sein. Regen abhalten. Und auch Pauls Gezerre standhalten. Shoppen. In Köln. Samstag nachmittags. Geht halt nicht anders: Die Woche ist geblockt durch einen Job, der zu viel Zeit frisst und zu wenig abwirft.

Ich betrete schließlich den Outdoor-Tempel. Er ist gaskammervoll. Samstag Nachmittag – was habe ich erwartet? Sofort umströmt mich der unwiderstehliche Flair urbaner Konsum-Geilheit. Wohin ich auch blicke: Lauter Menschen, die hoffen, glauben, meinen, einer immer feindlicheren Umwelt nur mit der geeigneten Marken-Bekleidung begegnen zu müssen, um so ihre Schein-Souveränität bewahren zu können.

Sieh an: Vornehmlich sind es Kleinfamilien – Papis und Mamis, erfolgreich im Beruf und endlich auch familiär gesettled dank geplantem und genau terminiertem Kaiserschnitt-Wunschkind Ende Dreißig. Man gönnt sich ja sonst nichts. Mich umschwirren Bionade-Nazis aus dem Belgischen und dem Agnes-Viertel. Kreativ involviert und immer am Puls der Zeit. Die Luft ist regelrecht geschwängert mit political correctness. Wir kaufen ja deutsch. Traditionsware aus hiesiger Produktion („Hey, Jack Wolfskin sitzt im Taunus!“). Dass dieser Rotz in der sogenannten Volksrepublik China gefertigt wird, genau wie das Zeug beim Aldi, tut ja nichts zur Sache. Was zählt, ist die und das richtige Etiquette. Wir sind aufgeklärt. Kaufen Bio. Erziehen unsere Bälger bilingual. Der Wettbewerb, weißt du? Chancen, Zukunft, Elite. Der ganze neoliberale Scheiß.

Neben all dem ach so aufgeklärten Bewußtsein ist die Globetrotter-Luft aber auch von etwas anderem geschwängert: Gediegenem Geschmacksstalinismus. Und Angst. Einer Furcht vor der eigenen Meinung, einer Haltung, welcher auch immer. Jener kalten Angst vor Fehlern. In anderem Zusammenhang nannte man dies: Gleichschaltung. Ikea mit seinem penetranten Geduze hat ja bereits bei der Wohnraumgestaltung gewonnen.

Sie kaufen maßlos überteuerte Outdoor-Kleidung, rufen laut „Hach! Ist die Luft hier gut!“, wenn sie mit ihrem Allrad-Audi die unschuldige Sieg penetrieren, fürchten im selben Moment, dass ihre betüttelten Blagen mit ihren teuren Klamotten in den unhygienischen Matsch stürzen und freuen sich insgeheim bereits auf den fair gehandelten Kräutertee, der sie erwartet, wenn sie frischluftbetankt in ihre ererbte und klimatisierte Eigentumswohnung zurückkehren.

Nach fünf Minuten verlasse ich diesen Outdoor-Tempel. Die Jacke für den Winter werde ich beim örtlichen Raiffeisen-Markt kaufen. Die haben äußert robuste Ware am Start. Die hiesigen Bauern decken sich dort kleidungstechnisch ein. Wenn sie auf ihrem Trecker sitzen, sehen sie nicht so aus, als würden sie frieren – ihre Kinder klettern obendrein in Obstbäume und benötigen dazu keine Grundkenntnisse in Business-Chinesisch. Und statt korrektem Kräutertee ziehen sie sich nach getaner Feldarbeit ein gepflegtes Hachenburger Pils rein. Das ist ein Bier aus garantiert heimischer Produktion, ehrlich bis ins Mark und bar jedes Chichis. Tannenzäpfle gibt’s hier nicht. Gott sei Dank.