29.04.2017

Gespräche mir Herrn Prunus (3)
Ein Maibaum-Monolog
 
Herr Prunus (Fotografie: Charlie)Ich habe gehört, dein verstümmelter Arm wurde vollständig amputiert. Ich erinnere mich noch gut, wie es war, damals, schmerzhaft, nicht nur für dich, diesen krummen, aber stolzen Ast bis auf einen Rest, der dazu dienen sollte, dass Charlie darauf sitzen und zum Liebestunnel blicken kann, würde ihr mal danach sein, mit der Motorsäge zu entfernen. Drei Spanngurte und 120 PS eines Traktors nahmen dir krachend jenen Arm, der verschmitzt nach Osten zeigte. Ja, und da bin ich nun – im diesem Osten und dies schon seit nahezu 1001 Nacht. Nicht alle davon waren märchenhaft, das kannst du mir glauben.
Ich vermisse die Art, wie du mit mir sprachst – provokativ, amüsiert, frotzelnd, immer jedoch auf deine untergründige Art und ungemein zärtlich. Die Blätter, die du hinter meine Brille hast segeln lassen, die vermisse ich auch. Ich hätte sie aufbewahren sollen. Jedes einzelne davon.
Behandeln sie dich gut? Sehen und erkennen sie dich überhaupt? Ich befürchte, dass sie dich ganz beseitigen werden. Einfach so. Weil sie können. Du musst verstehen, sie meinen es nicht böse. Sie sprechen nur leider nicht deine Sprache. Aber das kommt noch. Irgendwann sind sie sicher dazu in der Lage. Obwohl: Bei ihm bin ich mir etwas unsicher. Schließlich hat er es bis heute nicht geschafft, seine eigene Stimme richtig wahrzunehmen. Und auf sie zu hören. Vielleicht bist du ja clever und findest einen Weg zu ihm? Das fände ich schön und es würde mich beruhigen.

Was hältst du von Charlie? Sie ist groß geworden, oder? Und schön. Eine süße und schlaue kleine Dame. Erwachsen fast, aber noch Kind genug, mit offenen Augen und einer Neugier, die aus dem Herzen strömt. Sie findet dich bestimmt. Oder hat dich bereits gefunden, auf ihre Weise, die nicht meine sein muss.

Die Abende mit dir sind mir so nah als wäre es gestern. Vieles von dem, was du mir damals versucht hast, zu erklären, begreife ich erst jetzt. Und sicher nicht vollumfänglich. Möglicherweise war’s dein geheimer Plan, weil es so ist und so und nicht anders sein muss. Zwiebelhäute der Erkenntnis.

Hier am Fenster steht übrigens Mick – du weißt schon, diese Kastanie, die ich, als Pflanzenmarkt war, von einem Schutthügel gerettet und anschließend mühsam aufgepäppelt habe. Auf der anderen Seite der Kreuzung und im Freien lebt ein uraltes Mitglied seiner Familie. Mick schaut immer neidisch rüber, will auch mal so groß werden. Ich gebe ihm alle Zeit der Welt dafür. Beziehungsweise, so viel Zeit halt, wie mir auf diesem großartigen Planeten gegeben ist. Danke, dass du mich an diese banale Tatsache immer wieder erinnert hast. Deshalb passe ich auch gut auf mich auf. Besonders, wenn ich über diese unsäglichen Pflastersteine hier in der Stadt balancieren muss, um mir nicht den Hals zu brechen. Mein Weg führt mich dann oft – und sei jetzt bitte nicht traurig oder eifersüchtig – zu einer Frau Prunus. Sie wohnt im Park, um die Ecke, wo sich Affen streiten und Giraffen ihre Hälse recken, und dies macht sie sicher schon seit hundert Jahren. Wie du siehst: kein Grund zur Sorge, sie nimmt mich dir nicht weg. Verdammt groß ist sie, ungefähr drei Mal dein Kaliber, eine Wuchtbrumme. Und sie hat kürzlich erst mit Blüten um sich geschmissen, dass es eine Freude war, besonders für die zahlreichen Kinder, die auf ihr rumkletterten. Diese Dame besitzt obendrein einen Stuhl am Fuße ihres mächtigen Stammes. Da sitze ich oft und warte, dass sie mit mir spricht. Sie ziert sich. Noch. Wahrscheinlich ist sie etwas schüchtern und kann mich nicht recht einschätzen. Egal. Ich spreche einfach mit ihr. Und erzähle oft von uns beiden. Dann lache ich leise in mich hinein, weil es stets so schön ist, was ich ihr berichten kann.

Herr Prunus (September 2013)In einem Artikel habe ich kürzlich gelesen, ihr Bäume könnt über irgendeinen Kanal, der uns Menschen fremd ist, oder den wir verloren haben, miteinander reden. So Herr-der-Ringe-mäßig. Wenn dem so ist: Sprich sie doch mal an. Dass sie mir vertrauen kann. Ich bin, obwohl es manchmal nicht so aussieht, ein echt Netter und ganz sanft, zu zart vielleicht. Du kennst mich. Ja, ich habe verstanden, was du mir damals versucht hast, zu erklären. Schneisen der Liebe. Umarmen und so. Bin dabei, keine Sorge. Kleine Schritte. So, wie du es mir geraten hast. Mein Ohr war damals noch ein wenig zu sehr mit Unrat verstopft. Das tut mir leid. Auf der anderen Seite aber auch wieder nicht. Weil. Es. Ist. Halt. So. Jetzt lächelst du. Das ist schön!

Leider muss ich nun schließen. Auf mich wartet die Angst, die spielen gehen möchte. Ich melde mich wieder. Entweder so, hier. Oder ich komm rum. Kein Scheiß. Der Wind steht günstig. Und dann nehme ich dich ganz fest in den Arm, pflege deine Wunde (wenn sie dir schmerzt). Eine gute Flasche Picpoul-de-Pinet bringe ich ebenfalls mit. Auf die alten Tage. Ich vermisse dich, mein Freund. Komm gut in den Mai. Pass auf dich auf. Du wirst noch gebraucht.

28.04.2017

Marketingweisheiten
 
 

Wir empfehlen den Gebrauch unserer Produkte als Teil eines ausgeglichenen Lebenswandels, beruhend auf gesunder Ernährung, einem vernünftigen Maß an Körperbewegung, mäßigem Rotweinkonsum und einer regelmäßigen Dosis stimulierender Literatur.

26.04.2017

Haiku (VII)
 
 
Generalprobe,
  für einen letzten Abschied.
Musik weint im Licht.

24.04.2017

Der Job (aktualisiert)
Für Wolf W.
 
 
Wenn jemand dir weh tut
schau ihm in die Augen
oder ihr
suche darin und finde
das geheime Wort
buchstabiere es
sprachlos
Zeichen für Zeichen
bis waidwund das Wesen
seinen Namen dir flüstert
im Vertrauen

Dann umarme es
sanft wie eine Mutter
stark wie ein Vater
mit der Leidenschaft
einer Meerjungfrau
opfere deine Zunge
 
 

23.04.2017

Haiku (VI)
 
 
Niemands Sprache da
  Worte viel-mehr erscheinen
als lautes Schweigen.

21.04.2017

Kein Entkommen
Für Chrishna
 
Brüderchen komm
tanz mit mir
wir spielen die
Angst aus gegen
alle Konvention
sind sattgesehen
an Illusion
wir wählen
Grundvertrauen
bedingungslos
scheißen auf
Sicherheitssysteme
und ihre Signale
halten uns fest
am Walzer im Fluss
am Kamm der Welle
sind Wind im Buchs
Hafen Barke Ozean

Freiheit tobt dort
wo Liebe wächst
furchtlos ziellos
grandios endlich
verdammt
im Moment
und glücklich

Niemand kommt
hier lebend raus
mit einem Lächeln
ohne mutig vorher
gelebt zu haben
 
 

19.04.2017

Haiku (V)
 
 
So kalt ist der Tag,
  die Hand flieht in die Hose.
Warmes Weingummi!

18.04.2017

Gebrauchsanleitung
 
 
Straßenlaternen treten
ihr Licht freiwillig aus
Das passiert beim Passieren

Im Halbschatten des Scheins
ein Clown auf der Flucht vor
verkacktem Zaubertrick

Der Schamane schämt sich
erwachsen nie Kind gewesen
In Unverständnis gebrochen
Buxe voll geschissen und
als Seelenölung angepriesen
berechtigt abgewiesen

Aufmerksamkeitserpressung
schluckt Gefühle wie ein
Helmholtzresonator Schall
Entropie in Einsamkeit
Ein Empathieembargofall
So vergangen
abgehangen

Menschwerdung
Ganz einfach
Umarmung

15.04.2017

Oster-Oratorium
 
 
Disneybunte Gummischuhe
pürieren das Trametenfleisch
Knirpse tragen sie am Fuß
wie Ahab attackieren sie
ein Walgesicht im Wald

Flattrig schmatzend erstickt
der Pilz in Fetzen rotzt sich
trotzig aus dem Leben
hat schon genug gesehen
und von den Müttern auch

Rauchzittrig ihr Blick
der Nacht entgegen
leblos abseits stehen sie
sagen hören denken nichts
wenn dann wohl ans Abendbrot
und den Beischlaf den verhassten
der ihnen danach droht
an Osterhasenohren werden sie
heranhinabgezogen bald

Fünfzig Zwiebelhäute Einsamkeit
schälen sich wie Schlundegel
aus Falten ihres Angesichts

All dieser Schmerz
blutet als Sturzbach mir
durch unvernarbte Hasenscharte
Ein Notruf wurde abgesetzt
bereits und schnell erhört

Nicht Rettungskräfte
eilen heilig herbei
Frontfrauen sind’s
verschiedenster Kriege
wie magnetisiert und mir
als wär’ ich ein Be-Freier
in diesem Danse Macabre
unserem Mauerblümchenball
stillgelegter Herzen

Verlorenheit
und Kampf
und Mitleid
sind des Unglücks
Unterpfand

Tochters erster Kuss
schrapnellt mir
in den Kopf
erinnert und
verkümmert mich

Die Lust
die Furcht
die Pein
Wenn’s bricht

Was weiß ich
Nur dies
Was ich weiß
möcht’ ich fühlen
Nicht mehr
In Armen
Amen
 
 

14.04.2017

Immernoch
Archäologische Fragmente
 
1.
»Du erwartest etwas von mir, das ich dir nicht geben kann«, sagst du und berührst meine Lippen mit dem Mund, aber es ist kein Kuss.
»Vielleicht könnte ich dir etwas geben, was du nie erwartet hättest«, denke ich und nippe stumm an meinem schwarzen Kaffee, um den süßen Nachgeschmack zu beseitigen.

2.
In der Nacht, in der ich mit dir in einem Bett aber neben der Decke lag und nicht einschlafen konnte, beobachtete ich dich, wie du langsam in die erlösende Dunkelheit sankst, wie sich deine Augen unter den Lidern zur Stirn bewegten, wie du mit jedem Atemzug mehr meinen Geruch in dich einsogst und ich wartete darauf, dass du anfängst zu husten.

3.
Du sitzt auf dem Boden und liest meine Texte. Langsam und leise nähere ich mich dir von hinten, berühre sanft deinen Rücken. Du zuckst zusammen. Obwohl du mich schon so lange in den Händen hältst.

4.
[…]
Beim Versuch das Gehirn auszuquetschen
wünschte ich mir vier warme weiche Hände
[…]

5.
September Song
Ohne zu wissen, wie er dort hin gelangte, erreicht er den Tempel. Die Pforten stehen weit offen. Völlig unvorbereitet stößt er auf etwas Heiliges. Er sieht es ganz klar, es ist keine Täuschung, es macht ihn sprachlos – zu wissen: Ich bin angekommen. Ein merkwürdiges Gefühl, etwas zu finden, von dem er gar nicht wusste, dass er es sucht. Diesen Moment hatte er sich anders vorgestellt. Großartiger, erhabener. Ähnlich dem erlösenden Schrei einer entjungferten Braut in der Hochzeitsnacht. Er hat keine Ahnung, was er jetzt tun soll, sein Kopf ist leer wie ein Kürbis an Halloween. Was er tun will, das flüstert sein Herz jedoch mit jedem Schlag. So deutlich, dass er erschrocken zusammen zuckt. Doch niemand außer ihm bemerkt es. Er erinnert sich an den letzten warmen Tag des Jahres. Die Luft troff bereits kühle Feuchte, die Sonne scherte sich einen Scheiß drum, war blendend gelaunt und tat geradezu so, als wäre der Sommer noch jung. Er saß in der Küche, regungslos, das einzige in Bewegung: der Rauch seiner Zigaretten, ihr Qualm in hübsche Scheibchen geschnitten von den Strahlen, die durch die halbgeschlossene Jalousie drangen, irgendwie verloren. Er hörte Musik. Und nichts sonst. In unregelmäßigen Abständen traten ihm Tränen in die Augen. Er war nicht traurig. Er war ergriffen von dem, was er hörte; aus den Lautsprechern, aus seinem Inneren; war überwältigt von der Schönheit, die durch den Raum schwebte und von der er nicht wusste, warum sie ihn derart berührte. Es brauchte nur einen bestimmten Ton, eine Melodie oder diffusen Klang und es wurde still in ihm, endlich. Er fühlte sich gesegnet, als beugten sich die Götter gnädig schützend über ihn. Die Musik durfte nicht enden. Er verharrte zwischen den Lautsprechern, bis der neue Tag trotzig zwischen den Häusern anbrach. Dann erst konnte er einschlafen und traumlos träumen. Jetzt aber hört er keine Musik. Irgendein Idiot hält länger als nötig seine Pranke auf die Hupe und übertönt alles. Sie stehen sich gegenüber, auf der Fußgängerinsel, zwischen den Spuren, es wird allmählich dunkel und er weiß, dass er sich entscheiden muss und niemand ihm dies abnimmt. Die Ampel springt auf Grün. Doch nichts geschieht. Eine tiefe Ruhe kehrt ein, der Verkehr kommt zum Erliegen, alle Autos bleiben grundlos stehen, sämtliche Passanten frieren in ihren Bewegungen ein und zwei Blicke begegnen sich. Er meint, das Geräusch kollidierender Güterzüge zu hören, doch es ist nur eine Illusion. Dann endlich zieht er sie zu sich, sie lässt ihn gewähren. Er riecht ihr Parfum, es ist leicht und blumig, sie scheint ein wenig zu zittern, wie ein elektrifizierter Aal, knapp vorm Kurzschluss, er küsst sie, sanft auf die Wange, unterhalb des Ohres, ihre Haut ist weicher als er dachte, hätte er sich je darüber Gedanken gemacht, er versinkt in ihrem Gesicht, taucht ab in glitzernde Tiefen, ist plötzlich eins und leer und voll, zugleich Jesus und Judas und schließt die Augen. Als er es wagt, sie wieder zu öffnen, bricht der Verkehrslärm über ihn herein wie Lava eines zornigen Vulkans, ein Junge pfeift ihnen nach und ihm wird schlagartig klar, dass nun alles vorbei ist. Endgültig. Er bereut nichts.