Duralex

Plötzlich weinte er. Still und fast nicht wahrnehmbar, eher ein leises Wimmern. Ihr war das unangenehm. Sie wollte im Grunde doch nur, dass er sie endlich in Ruhe lässt und aufhört, ihr mit seinem komischen Grinsen auf die Nerven zu gehen. Sie griff in ihre Tasche und suchte nach einem Kleenex. Ein klammes Gefühl kroch ihr den Rücken rauf. Jenes Gefühl, das sie eigentlich nie wieder spüren wollte.

Am Nachmittag hatte sie beschlossen, dass ihr Leben sich ändern muss. Hier drehte sie sich zu lange schon im Kreis. Sie würde diese Stadt, die ihr bei jeder Gelegenheit Steine hinterher schmiss, endlich verlassen. Sie wusste, sie muss weg von hier, sie wollte nach Osten, dorthin, wo die Sonne aufgeht. Dieser Entschluss machte sie glücklich, eine angenehme Ruhe breitete sich in ihr aus.

Ein Grund zum Feiern. Sie wollte darauf einen Trinken gehen, nur kurz, ins Elektra, ihrer Lieblingskneipe zwei Strassen weiter. Auch, um sich innerlich zu verabschieden, ganz sanft. Als Anfang.

Sie hatte den zweiten Pernod bei Waltraud bestellt, als ihr dieser Junge am anderen Ende der Theke auffiel. Er musste schon länger da gestanden haben, sein Deckel zierte ein ansehnlicher Kranz. Ihr war er beim Reinkommen gar nicht aufgefallen und auch sonst hatte sie ihn hier noch nie gesehen. Er war sturzbetrunken. Sie spürte, dass er sie eine ganze Weile schon anstarrte. Vorsichtig erwiderte sie seinen Blick. Leichter Ekel kam in ihr hoch, Kerle wie ihn konnte sie nicht leiden. Noch nie. Doch er verstand ihren Blick als Aufforderung. Ehe sie begriff, wie es passieren konnte, stand er bei ihr und lächelte sie an, von unten, aus seinem Milchbartgesicht.

– Hast du mal ’ne Zigarette?

Er riss sich sichtlich zusammen, der Alkoholpegel in seinen Adern war dermaßen hoch, dass er Mühe hatte, seine flatternden Augen zu kontrollieren. Wortlos hielt sie ihm ihre Schachtel hin, mit zittrigen Fingern fischte er eine Kippe heraus und brauchte drei Anläufe, sie zwischen seine Lippen zu stecken.

Warum gerade jetzt, warum gerade ich, dachte sie und bemerkte seinen fragenden Blick von der Seite.

Er wartete auf Feuer. Leicht genervt riss sie ein Streichholz an und hielt es ihm hin.
Waltraud kam, servierte den Pernod und warf ihr einen schnellen, mitfühlenden Blick zu.

– Ich hau ab aus dieser Stadt. Es wird Zeit.

Waltraud nickte beiläufig und verschwand in einem Nebenraum. Sie wußte nicht, was Waltraud von ihrer Entscheidung hielt. Aber es war ihr inzwischen auch egal.

– Nimmst du mich mit?

Der Typ neben ihr kratzte sich nervös am Flaum unter der Lippe.
Keine zwanzig. Und schon fertig und kaputt, ging ihr durch den Kopf. Sie empfand kein Mitleid.

– Nein, sagte sie, dich nehm‘ ich bestimmt nicht mit. Außerdem hast du ja keine Ahnung, wo ich hin will.

Ohne zu fragen griff er nach ihrem Pernod. Sie riss ihm das Glas im letzen Moment wieder aus den Fingern.

– Das ist meiner, okay?

Er zuckte mit der Schulter, versuchte entwaffnend zu lächeln und sah dabei aus, wie ein Vierklässler, den man gerade beim Rauchen erwischt. Sie hatte sich so gut gefühlt heute, so befreit. Und das wollte sie sich auf keinen Fall versauen lassen. Leute, wie er – Schnorrer, Neurotiker – hatten ihr zu lange schon den Blick fürs Wesentliche verbaut. In dieser Stadt wimmelte es von ihnen und ihr Entschluss, hier abzuhauen, war goldrichtig, das wußte sie jetzt.

– Kann ich bei dir schlafen?, fragte er ohne mit der Wimper zu Zucken und sie verschluckte sich fast.

Eine gesalzene Replik lag ihr schon auf der Zunge, doch sie schwieg und durchbohrte ihn nur mit den Augen. Auf dem Weg in die Kneipe hatte sie sich vorgenommen, ihre Energien ab sofort besser einzuteilen. Nicht auf seine unverschämte Frage einzugehen erschien ihr als beste praktische Umsetzung des neuen Vorsatzes. Einen kurzen Moment war sie richtig stolz auf sich.

– Hast bestimmt ’ne große Wohnung, murmelte er ohne Erklärung.

– Korrekt. Ich fahr mit Rollschuhen von der Küche ins Klo. Aber fürs Bad nehm‘ ich das Rad. Ist schneller, antwortete sie etwas zu schroff und ärgerte sich sofort, wieder in alte Gewohnheiten zurückgefallen zu sein.

Der Typ neben ihr pfiff voller Anerkennung durch die Zähne, versuchte es zumindest, es hörte sich an, als ließe jemand die Luft aus einem Ballon. Dann spürte sie seine Hand auf ihrem Unterarm, sie war nass vor kaltem Schweiß. Sein Blick suchte ihre Augen, das wußte sie, aber sie schaute nicht zurück.

– Du bist ’ne tolle Frau, sagte er leise.

Weder übertrieben charmant noch betont beiläufig. Einfach so. Sie nahm einen grossen Schluck Pernod und ging im Kopf all die Sachen durch, die schon bald zu erledigen waren. Sie riss aus ihren Gedanken als sie seinen Kopf an ihrer Schulter spürte. Sein Haar roch streng. Wie eine alte Frau, die der Zivi vergessen hat. Mit einem Ruck entzog sie sich, er konnte sich gerade noch am Tresen festhalten. Aber er lächelte weiterhin tapfer, wie schon die ganze Zeit. Solch ein Gesichtsausdruck war ihr völlig fremd. Es machte sie unruhig.

– Ich bin nicht von hier, musst du wissen, sagte er, als handle es sich dabei um eine Offenbarung.

Erst jetzt bemerkte sie seinen leichten Akzent. Schwäbisch, eindeutig. Sie atmete tief durch und überlegte, wie sie aus dieser Situation wieder rauskommen könnte. Sie wollte doch nur ihre Ruhe, stumm ein, zwei Gläser kippen. Wenigstens einmal. Wenigstens jetzt. Gerade jetzt. Sie schob ihm den Rest vom Pernod rüber und versuchte sich auf die Musik zu konzentrieren, die im Hintergrund lief. Das Stück kannte sie, es hatte eine ganz einfache Melodie, wie bei einem Kinderlied, kleine Terz, große Terz. Ihr fiel der Titel nicht ein und das machte sie unruhig. Er nahm einen Schluck von ihrem Glas. Ganz so, als wäre es schon immer seins gewesen. Er war tatsächlich sturzbetrunken, kein Zweifel. Sie fragte sich, ob Waltraud den Ehrenkodex vergessen hat: Gäste, die eindeutig genug haben, bekommen nichts mehr. So kannte sie es von früher. Als sie selbst noch auf der anderen Seite des Tresens stand. Wieder bemerkte sie seinen Blick, wie er auf ihr haftete. Unangenehm. Sein blödes Grinsen machte sie langsam wahnsinnig. Dann rutschte er ab und knallte mit seinem Kopf unten gegen ihren Hocker.

– Grossartig, murmelte sie leise und zog ihn schnell wieder hoch.

Er lächelte weiter als wäre nichts geschehen. Nach unendlichen Sekunden hatte er es geschafft, wieder auf seinem Hocker Platz zu nehmen. Wie er jetzt so da saß, leicht schwankend, dieser Milchbart, seine öligen Haare ins Gesicht gefallen – das erinnerte sie an jemanden. Ihr fiel schließlich ein, an wen: an ihren jüngeren Bruder. Drei Jahre hatte sie ihn nicht mehr gesehen. Mindestens. Dieser Gedanke ließ sie ungewohnt erschrecken. Er kippte die letzen Tropfen Pernod in sich rein, dabei entglitt ihm das Glas aus den Fingern, fiel zu Boden und zersplitterte in Tausend Teile.

– Scheiß Duralexgläser.

Sie beugte sich über die Theke zu Waltraud.

– Schlimmer als Autoglas. Aber du wolltest ja nicht hören.

Waltraud seufzte, kramte einen Handfeger hervor und kam vor die Theke. Er aber hatte offenbar sein kleines Malheur gar nicht mitbekommen. Mit leeren Blick starrte er auf die Digitalanzeige des CD-Players hinten im Regal.

Wie alt der wohl ist? Achtzehn? Höchstens, dachte sie und rückte mit dem Hocker ein Stück zur Seite, damit Waltraud die Scherben zusammen kehren konnte.

– Hey, ist wohl besser, du gehst jetzt nach Hause, sagte sie betont freundlich in seine Richtung, sonst macht sich deine Mama noch Sorgen.

Die CD war zu ende, mit leisem Surren fuhr der Laser in seine Ausgangsposition zurück. Mist, wie hieß dieses Stück noch mal? Ihr wollte es partout nicht einfallen. Ich werd sie wohl fragen müssen, dachte sie und beobachte Waltraud – sie war mit den Scherben fast fertig.

– Sie kann sich keine Sorgen mehr machen, weißt du?, sagte er genau in jenem Moment, als ihr entfallen war, dass sie ihm diesen wohl gemeinten Tip gegeben hat.

Sie blickte irritiert in seine Richtung, sah, dass er immer noch stur auf die rote Anzeige des CD-Players starrte, als hoffe er, die Ziffern würden erneut zu tanzen beginnen und es dauerte ewig, bis sie bemerkte, dass ein leichtes Zucken durch seinen Körper ging. Sie erkannte nicht gleich, was mit ihm los war und hielt es anfangs für einer Art motorischen Tick. Dann wurde ihr klar, dass er weinte. Kaum merklich, aber er weinte.

Scheiße, dachte sie, warum immer ich?
Schweigend zog sie ein Kleenex aus der Tasche und ihr war klar, dass es nicht bei diesem einen bleiben würde.

Where the hurt comes from

Sehr schöne Idee – sehr nachahmenswert: Man nehme ein x-beliebiges, verblödendes Wahlplakat/Werbeplakat und korrigiere es ein bisschen — mit Poesie.

So geschehen kürzlich in London: Das „Shoreditch Department of Advertising Correction“ zeichnet sich verantwortlich für diese kreative Aktion in London vom 19. April 2010.

Es waren übrigens Wahlplakate der Konservativen.

Mehr davon hier.

(via rebel:art)

Do you have any idea?

Question: People see Rock ’n‘ Roll as youth culture and when youth culture becomes monopolized by big business what are the youth to do? Do you have any idea?

Answer: I think we should destroy the bogus capitalist process that’s destroying youth culture.

So, als Anfang wäre das schon mal gar nicht schlecht, stimmt.

Sehr feiner Indie-Pop aus Schweden. Perfekter Score für den Frühling.
(Meint auch Thaddi in der aktuellen de.bug – danke für den Tipp!)

The Radio Dept. – Heaven’s On Fire (aus: Clinging To A Scheme, Labrador Records 2010)