Life is real only then when I am
29. März 2010
So fühlt sich das an: Ein Sonntag auf dem Land, mit Blick auf die Lärchen, die im Wind sanft schaukeln.
Eluvium: The Motion Makes Me Last
How does the motion make me last?
I shuffle forward and I’m back
I can be questioning my thoughts
but not looking for what I lack
what is it that has my mind so hypnotized?
shapes are for looking at
and their colours create my mood
I’m a vessel between two places I’ve never beenTo sink further and reform design
creation as a pathogen
what’s more than subtle in these (heights?)
I know you’re looking forward to them
what is it that has my mind so hypnotized?
Evolving on a thought that you’ve half realized
life is real only then when I am but I am I am surprised
shapes are for looking at
and their colours create my mood
I’m a vessel between two places I’ve never been
Eluvium: The Motion Makes Me Last (aus: Similes, erschienen auf Temporary Residence Limited)
Sehnsucht, nach dem »Davor«
27. März 2010
Sie steht an der Kasse der Buchhandlung und wartet, dass sie an die Reihe kommt. Genervt ist sie: Sie will endlich ihr Buch bezahlen und nach Hause. Einkaufen ist Stress für sie. Nahkampf – alle anderen sind ihre Feinde. Sie stehen ihr im Weg, rempeln sie an, versperren den Blick auf die Auslage. Stören. Stinken. Ihre Nase nimmt plötzlich einen nicht einzuordnenden Geruch wahr. Der Geruch kommt von hinten. Sie weiß nicht, ob es unangenehm oder vielleicht sogar doch angenehm riecht. Sie denkt kurz nach, kramt in ihrer olfaktorischen Erinnerungskiste. Und kommt schließlich drauf: Alter Urin.
Sie wendet ihren Blick vorsichtig nach hinten und entdeckt einen Penner, der dicht hinter ihr steht und in dem Moment, wo sich ihre Blicke verschämt treffen, damit aufhört, mit halbgeschlossenen Augen den Duft ihrer Haare in sich aufzusaugen.
Er schaut zu Boden und dreht sich um. Geht schnurstarks auf eine Regalreihe zu, in denen Bildbände von fremden, fernen und heißen Ländern angeboten werden. Sie studiert seine äußere Erscheinung: Er hat schütteres, schulterlanges Haar, einen halbwegs gepflegten Vollbart. Seine grüne Cordhose ist vom Schmutz gezeichnet, sein Steppmantel hat blasse Flecken am Saum. Würde sie nur flüchtig hinschauen, sie würde in ihren Augenwinkeln bloß einen leicht heruntergekommenen Mitvierziger vor einem Buchregal wahrnehmen. Leicht heruntergekommen, okay, aber einer von ihnen. Doch sie sieht seine Hände. Seine Finger, die sich verkrampft zu einer Faust ballen, die kleinen Finger eigentümlich abgespreizt. Seine verschmutzen, eingerissen Fingernägel, unter denen sich der Dreck der Schildergasse wie ein Mal eingebrannt hat. Sieht, daß er zittert. Sieht seinen Blick auf die prächtigen Buchcover: Provence, Kenia, Kanada. Seine glasigen Augen, die über die Bücher huschen. So, als wolle er wirklich eines dieser teuren Bücher erstehen wollen.
Sie beginnt zu phantasieren. Imaginiert sein Leben. Vielleicht war er damals in einem dieser fernen Länder? Damals, bevor ihm das Schicksal einen Strich durch die Rechnung gemacht hatte. Bevor er seine Frau, seinen Job und seine Wohnung verlor? Hat er Sehnsucht? Nach dem damals, dem davor?
Sie empfindet auf einmal, ihr unerklärlich, so etwas wie Mitleid. Möchte diese arme Kreatur in ihre Arme schließen und flüstern: »Alles wird gut.«
Doch die nölende Stimme der Kassiererin reisst sie aus ihren Gedanken und fordert sie an die Reihe. Sie bezahlt stumm und geht nach Hause.
Und auch der Penner wird nach fünf Minuten die Buchhandlung verlassen, diese trockene und warme Oase, an einem Tag, an dem der Wind gewissenlos durch die Strassen jagt und die Kälte unaufhaltsam durch seine vom Schmutz gezeichnete Cordhose dringt.
Genauso unbemerkt, wie er gekommen war.
In einem Satz: Drauf geschissen
14. März 2010
Als ich die Stätte meiner Jugend besuchte, ziellos durch die Fußgängerzone schweifte, vorbei an glühweingestählten Gestalten, vorbei an Geschäften, die es jetzt nicht mehr gab, meinen Mantel zu geschlagen bis ganz oben wegen der Kälte, da entschied ich mich, dieses Haus aufzusuchen, in dem ich knapp zwei Jahre lebte, eine Zweiraumwohnung, jene letzte Bastion von Heimat in dieser seltsam verschämten Einkaufsstadt, im Zickzack näherte ich mich meinem Ziel, etwas zögerlich, das Viertel, in dem das Haus lag, wirkte ausgestorben, ja, regelrecht unbelebt, es war doch Freitagabend, unwillkürlich fragte ich mich, wer hier überhaupt noch wohnt – die gleichen, wie vor zehn Jahren wahrscheinlich, nur älter und zynischer sind sie geworden, dachte ich und rein äußerlich hatte sich nur wenig verändert – dann stand ich unvermittelt unterhalb dieser vier Fenster, sie waren erleuchtet und glotzten dumpf in die Dunkelheit, auf diesen knorrigen Baum gegenüber, den ich immer so mochte, aus einer Fassade, schick renoviert, mit Stuck und Chinarot gestrichen, völlig anders, wie mir das Haus in Erinnerung war, als mich urplötzlich dieser Drang zum Scheißen überkam, ein Druck der übelsten Sorte, einer, von dem du weißt, du hast keine Chance, du kannst ihn nicht ignorieren, mich ergriff sofort Panik, eine Unruhe aufgrund evidenter Ausweglosigkeit, halbherzig entschied ich mich, den Rückweg zum Wagen zu wagen, am anderen Ende des Stadtzentrums war er geparkt, okay, ich musste es wenigstens versuchen, passierte im Tippelschritt diverse Trinkhallen, Griechenrestaurants und Pilsschänken, deren Ausstrahlung geradewegs stuhlfördernd wirkte, kurz spielte ich mit dem Gedanken, eines dieser Etablissements zu besuchen, um meiner Notdurft nachzukommen, doch ich war schon zu weit gegangen, die Gaststätten boten mir keine wirkliche Chance mehr, mir blieb nur die Flucht nach vorn, wo immer das auch sein sollte, egal, ich war so was von glücklich, unvermittelt diese Transformatorstation am Rande des vergammelten Spielplatzes zu entdecken, zu erkennen: ja, sie bietet, dank der umgebenden Büsche und Bäume, die best geeignete Zuflucht für mein unheiliges Ansinnen, wie ein Kinderschänder huschte ich an den Wipptieren vorbei, entschwand im knirschenden Dickicht – es war unter Null an diesem Abend – schlich hinters Häuschen, blickte nach links zu einem Wohnblock mit synchron blinkender Weihnachtsdeko, nach rechts, auf einen Parkplatz, den nur Autos zum Schlafen benutzten, öffnete hektisch meinen Mantel, hockte mich wie ein kleines Mädchen mit dem Arsch knapp über das Laub, ein fetter Furz entfuhr mir, ich hörte endlich die Scheiße auf das gefrorene Blattwerk klatschen, eine Erleichterung bar jeder Beschreibung, endlich konnte ich wieder unverkrampft durchatmen, obwohl das, was ich absonderte, penetrant nach faulen Eiern stank – es musste raus, es half ja nichts, es tat so gut – doch mein Glück währte nur kurz, mir wurde bewusst, dass ich vergessen hatte, vorher zu überlegen, wie ich meine Rosette reinigen könnte, nach vollbrachter Tat, ein kurzer Schreck durchzuckte mich, es war kein fester Stuhl, er hatte eher die Konsistenz von Kinderkacke, die ich beherzt auf die Erde des nördlichen Stadtzentrums presste, mir wurde heiß und dann wieder kalt, nein, ich wollte alles, nur nicht stundenlang mit den Resten meines Geschäfts in der Hose durch die Gegend laufen, ich grübelte, zermarterte mir fieberhaft das restentleerte Hirn – dann kam mir triumphierend in den Sinn, dass ich stets ein fusselfreies Mikrofaser-Brillenputztuch mit mir rumschleppte – für alle Fälle, nicht wahr, man weiß ja nie – also griff ich entschlossen in meine rechte Hosentasche, fingerte das Tüchlein hervor, was in meiner hockenden Position ein verdammt schwieriges Manöver war, wischte mir, so gut es mit zwanzig Quadratzentimetern Nutzfläche geht, den Arsch ab, zog zögerlich den Slip hoch, dann die Hose, knöpfte schließlich, als wäre rein gar nichts passiert, meinen stilvollen italienischen Wollmantel zu und ging zurück auf die unbelebten Strassen.
Das Brillenputztuch würde ich eh nicht mehr brauchen, kam mir in den Sinn, ich sah eh alles schon klar – sonnenklar.
Healing force – part 5
12. März 2010
Dieses Stück ist eine Kampfansage – ein Crescendo des Aufbruchs, wohin auch immer: Zur Freiheit, zu innerem Wachstum. Oder zum Zertrümmern all der Dinge, die einen kaputt machen.
Das Falsett des Sigur Rós-Sängers Jónsi umkreist in Variationen dieses Thema, wird unterfüttert von sakralen, subfrequenten Orgeln (die nicht nur entfernt an Meister Bach erinnern) – all dies steuert auf ein zertrümmerndes, aber erlösendes Drumfinale zu, das alles in seine digitalen Einzelteile zerlegt und Platz für Neues schafft. Stichworte: Asche, Phoenix, Wiederauferstehung.
Laut hören. Es wirkt.
Heute morgen im Zug hätte ich vor lauter Kraft sämtliche Mitfahrer knuddeln können.
You’ll know, when’s time to go on
You’ll really want to grow and grow till tall
They all, in the end, will followYou’ll… know
You’ll… know
You’ll… know…
– Jónsi: Grow Till Tall, vom Album »Go«, das Anfang April auf Parlophone veröffentlicht wird.
![»Essen Hauptbahnhof« © That' bene [http://www.flickr.com/photos/29585242@N05/4280207870] CC-BY-NC-SA](http://6t8.org/wp-content/4280207870_42a1f8ef6d2.jpg)
