19.08.2019

Wir werden ein gelungenes Leben gelebt haben
 
 
Nenne mich Ismael. Oder Helga. Oder Satoru. Namen haben keine Bedeutung mehr. Jetzt ist die Zeit. Es ist der 28. August 2033. Vor genau 70 Jahren hielt Dr. Martin Luther King beim Marsch auf Washington für Arbeit und Freiheit vor mehr als 250.000 Menschen am Lincoln Memorial in Washington, D.C. (ehem. USA) eine Rede, die diesen Satz enthielt: »Now is the time.« Die rhetorisch brillante Schlusssequenz beginnt mit den Worten »I have a dream« und endet mit »Free at last! Free at last! Thank God Almighty, we are free at last!« Gott ist lange schon tot und Religion obsolet – dennoch: »free«, also freie Menschen, das sind wir nun. Endlich. Und zuhause angekommen.

Es war kein Kampf. Es war eher spielerische Notwendigkeit. Zehn Jahre ist es gerade mal her, dass es kippte. Das ganze System. Einfach so. Ohne Lärm, Staub, Katastrophen oder Krieg. Der gesunde Menschenverstand war es, der letztlich obsiegte. Die überhitzte Megamaschine wachstumsfixierter Kapitalismus verreckte damals mit einem massiven Kolbenfresser. Rien ne va plus sozusagen, am Spieltisch der globalen Finanzmafia. Dieser Moment wurde von vielen lange schon antizipiert, spätestens seit Club Of Rome. Er würde kommen, man wusste nur nicht, wann genau. Schreckensszenarien wurden im Vorfeld mit Blut bzw. .308-Vollmantelgeschossen an die Wand gemalt. Man erwartete Zustände, die bestenfalls an ein schlechtes Remake von Mad Max erinnerten. Dem war nicht so. Lautlos fiel die Tür ins Schloss. Dann ging ein leiser und erstaunter Jubel von einem Ende der Welt zum anderen. »Ich habe fertig«, schluchzte der implodierte Neoliberalismus ein letztes Mal. Und wir machten uns freudig an die Arbeit.

»Wir sind es, die wir die Städte und Paläste – hier in Spanien und in Amerika und überall – gebaut haben. Wir Menschen können andere Städte und Paläste an ihrer Stelle aufrichten und sogar bessere. Wir haben nicht die geringste Angst vor Trümmern. Wir werden die Erben dieser Erde sein. Hier, in unserem Herzen, tragen wir eine neue Welt. Jetzt, in diesem Augenblick, wächst diese Welt.«

Dieses bonmot von Buenaventura Durruti, Anarchistenführer im Spanischen Bürgerkrieg (der in den 30ern des 20. Jahrhunderts wütete und sowohl von der Kommunistischen Internationale als auch den Faschisten niedergeschlagen wurde), erlebte eine Renaissance und war das Credo unseres Aufbruchs – jenem kompletten Neustart, den die Geschichtsschreibung inzwischen als Resurrection bezeichnet.

Ideen, die vor knapp einhundert Jahren während des kurzen Sommers der Spanischen Anarchie erprobt wurden, erreichten nun ihre formvollendete Meisterschaft. Menschen, die jahrzehntelang durch einen Konsumkapitalismus perforiert wurden (TINA, »homo oeconomicus«, dieses Bullshit-Bingo, endgültig demaskiert als Pseudo-Religion der Ein-Prozent) fassten sich ans Herz und erinnerten sich an Solidarität, Subsistenz, Subsidiarität und Empathie – jene basalen, aber nahezu vergessenen Grundbausteine des sozialen Miteinanders. Das Gegeneinander verpuffte, in Kooperation lag schon immer – und liegt auch weiterhin – die Zukunft.

Nationalitäten und damit einhergehender Chauvinismus machten fortan keinen Sinn mehr. Die Menschen organisierten sich in einer Form, die wir nun RSK (Räterepublik syndikalistischer Kooperativen) nennen. Niemand wurde enteignet. Aktienbesitzer, Fabrikanten, Oligarchen und selbst die verbissensten Monopolkapitalisten erkannten, dass diese Form gesellschaftlicher Organisation sowohl nachhaltiger, menschlicher als auch effektiver war und schlossen sich freiwillig an. Es floss kein Blut. Auch Tränen nicht. Stattdessen flossen Wein und Bier und Wodka in rauen Mengen, die Syndikate an der Elbe, in Franken und am stillen Don erzeugten. Kostenlos, wohlgemerkt.



Cybersyn, ein futuristisches Wirtschaftsprojekt, das Salvador Allende Anfang der 1970er Jahre in Chile auf der Agenda hatte (und das mangels technischer Infrastruktur und massiver konterrevolutionärer Energien seitens der USA scheiterte) ist nun Realität. Statt konkurrierender Staaten samt ihren jeweiligen Unternehmen sind weltweit autonome und überschaubare Einheiten (von ca. 80-120 Menschen) in freiwilliger Kooperation verbunden. Produziert wird, was wirklich gebraucht wird – und nicht hauptsächlich verbraucht werden soll (im Sinne der bisherigen kapitalistischen Mehrwerttheorie, die bekanntlich dazu diente, vornehmlich den Gewinn einer kleinen Gesellschaftsschicht zu vermehren, siehe oben).


Was weder in Zeiten der Spanischen Revolution, noch bei Allende möglich war, ist technisch realisiert: Sämtliche Produktionseinheiten kommunizieren global in Echtzeit miteinander. Internet und Big Data machen es möglich. Die jeweiligen und realen Bedarfe an Produkten und Dienstleistungen werden in Sekundenbruchteilen ermittelt und unmittelbar darauf reagiert. Es ist genug für alle da. Das war es schon vorher, aber es wird jetzt besser und gerechter verteilt. Geld und Gewinn spielen hierbei keine Rolle mehr. Eine kybernetische Netzwerkwirtschaft äußerst humaner Art hat sich etabliert.

Smarte Maschinen und intelligente Algorithmen erledigen nun ein Großteil der Arbeit. Befreit von den Zwängen der bisherigen Wachstums- und Verwertungslogik haben wir die Muße wiederentdeckt – somit uns selbst. Und – viel wichtiger – unseren eigentlichen Wert. Vieles, das wir bisher annahmen, zu wissen, entpuppte sich als willkürliche Mixtur aus Axiomen und Glaubenssätzen. Rassen, Klassen, Geschlecht – all diese überkommenen Konzepte wurden sinnlos. Wir sind Menschen. Wir haben unsere Augen geöffnet. Für uns. Und für alle anderen.


»Die wahre Vollkommenheit des Menschen liegt nicht in dem, was er hat, sondern in dem, was er ist. […] Nur in freiwilligen Vereinigungen ist der Mensch schön. […] Der Staat hat das Nützliche zu tun. Das Individuum hat das Schöne zu tun.«
  — Oscar Wilde: Die Seele des Menschen im Sozialismus, Februar 1891

Wir erinnerten uns schlicht daran, was sie uns vergessen machten. Statt weiterhin Geschichten und Geschichte erzählt zu bekommen, schreiben wir fortan unsere eigene. Das Überraschendste daran: Es ist alles schon da. Alles.

 
[Beitrag für: Standort West 09/2019, Schwerpunkt: »Zukunft«]

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