21.05.2014

Die Morgensonne zeigte sich hinter der Silhouette der Fünf Lärchen, als Fäseke beim Genuss des ersten Schlucks Kaffee folgender Gedanke plastisch vor Augen kam: »Nein, ich bin nicht mehr der Hans Wurst für alle.«
Paul LeChien, der für einige Tage ohne Erklärung verschwunden war, trat leise von hinten zu ihm auf die Terrasse, legte freundlich den Arm um seine Schulter und sprach mit überraschender Klarheit: »Stimmt. Und jetzt gehen wir kukn, was noch da ist, von dem, der du vorher warst.« Dabei deutete er auf den Weg oberhalb des Tunnels. Fröhliches Klingeling war von dort zu hören und ein kleines, gut gelauntes Mädchen mit einem kunterbunten Hollandrad war zu sehen. Fäseke kniff verwundert die Augen zusammen und erkannte in dem lebensfrohen Mädchen sofort seine kleine Fahrradfee.

20.05.2014

Ich hätte nicht gedacht, dass es möglich ist – für mich – innerhalb von 20 Tagen annähernd 1000 Minuten mit Menschen zu sprechen. Offenbar zu lange hielt ich das Bild von mir hoch, ein muffliger, wortkarger Eremit zu sein, der sich dezent zurück zieht und lieber schweigt.

Auf meiner Visitenkarte heißt es »Bureau für Kommunikation«.
Diese Worte kamen mir damals beim Entwerfen der Karte intuitiv in den Sinn.
Der Große Geist ist schon ein weiser Kerl.

19.05.2014

Ich hatte bis vor Kurzem zwei große Bücherregale. Im Zuge der – sagen wir mal – häuslich-lokalen Reorganisation zertrümmerte ich eins davon mit meinen bloßen Fäusten, die gesplitterten Überreste warten nun in der Garage auf den Sperrmülldienst.
Ich zerschlug es, weil das Regal eh schon brüchig war. Heute allerdings ist mir der tiefere Grund für diesen brachialen Akt klar geworden: All das Wissen, in all den vielen Büchern, die das Möbel bereit hielt, für mich, zum Wiederlesen zum Neulesen – all dieses Wissen ist nutzlos, wenn man es nicht anwendet.

18.05.2014

Was die Welt (von mir) sicher nicht braucht: Weitere 30 Jahre hohles Wortgeklingel.

17.05.2014

Zweimal habe ich meinen rechten Mittelfinger an der gleichen Stelle gequetscht. Der Nagel war blutunterlaufen, schon ein leichtes Antippen schmerzte, es dauerte einige Wochen, bis er sich aus dem Nagelbett löste und Platz machte für einen neuen, der sich langsam vom Rand heraus bohrte.

Ich war froh über diesen Umstand. Ich hatte Hoffnung, dass das, was sich zögerlich nach außen schob, den Verlust des alten vollständig ersetzen könnte. Es würde alles wieder so sein, wie vorher, dachte ich. Doch der neue Nagel wölbte sich nach einiger Zeit, er machte einen Buckel, so, als wolle er sich verweigern, gleichmäßig und gerade weiter zu wachsen. Nach ein paar Tagen glich mein Finger der Kralle eines Reptils, wie ein Schildkrötenpanzer thronte dieser Wundverschluss über geschundenem Fleisch. Es dauerte nicht lang und der Panzer wurde an den Rändern brüchig. Ohne Kraftaufwand konnte ich ihn vorsichtig vom Fleisch anheben. Wenn ich in die Hosentasche griff oder andere Bewegungen machte, bei der mein Fingernagel irgendwo hängen bleiben konnte, wurde er immer und immer wieder gelockert.

Den Nagel hätte ich nun ohne Probleme entfernen können, mir ging dieses ständige Hängenbleiben und die Ungewissheit, wann diese Verkrüppelung abfallen würde, inzwischen auch gehörig auf die Nerven.
Ich tat es aber nicht – aus Angst: Ich befürchtete, dass dieses Ding, auch wenn es hässlich und unzureichend war, nötig wäre, damit irgendwann der neue und perfekte Nagel nachwachsen konnte.

Gestern habe ich diese Hoffnung aufgegeben, weggeschickt und sterben lassen. In der Nacht, in der ich zunächst keinen Schlaf fand, fand mich plötzlich ein klarer Entschluss: Dieser deformierte und kranke Übergangsnagel muss weg. Mit einer schnellen Bewegung entfernte ich in der Dunkelheit den Panzer und schlief dann ein.

Es war nicht das Erste, woran ich heute morgen dachte, ich dachte an den strahlend sonnigen Tag, der mir durch die Terrassentür aufmunternd entgegen lachte und an den Geschmack des ersten Schlucks Kaffee. Dann fiel mein Blick auf den Finger. Ich verkrampfte sofort, innerlich, ein Stück weit, nicht viel. Wie sah der Finger jetzt wohl aus? Rot und blutig und verletzt und auf Ewigkeit gezeichnet?

Dem war nicht so. Ein ganz zarter, fast schon makelloser Ansatz war im Nagelbett zu erkennen. Ich war mehr als überrascht. Offenbar war der Nagel, den ich in der Nacht entfernte, nichts als Hülle und Schutz für etwas viel Schöneres. Rückblickend macht alles Sinn, es waren nötige Häutungen.

Schaue ich nun auf den Finger, dann sehe ich einen rosa Schwan, der stolz und mutig wächst. Ich werde gut auf ihn aufpassen.

15.05.2014

Es braucht achtzehn Jahre, um sich halbwegs erwachsen zu nennen. Nun ist es auch für mich an der Zeit, meine Flügel auszubreiten und mich aufzuschwingen. Wohin auch immer. Nur: Springen und vertrauen.

14.05.2014

Der Plan, keinen Plan mehr zu haben.
Das Glänzen in den Augen des Anderen.
Der unscheinbare Riss erweitert sich zum Abgrund.

So ist es also, wenn es zu enden beginnt.
Annehmen, trotz Angst.
Authentisch werden, trotz Zweifel.

Spielerisch kämpfen, lustvoll, mit energischer Verve.
Lavendeltage fallen nicht vom Himmel.
Ich muss sie mir verdienen.

13.05.2014

Helter Skelter.
Kribbeln im Bauch.
Maden im Kopf.
Zittern in den Händen.
Loslassen.
Festhalten.
Übermut.
Furcht.
Tränen.
Lachen.

Leben.

12.05.2014

Ein Vertrag

1. Wir gehen achtsam und respektvoll miteinander um
2. Wir wollen unsere Ehe zum Besseren verändern
3. Wir machen uns keine Vorwürfe
4. Wir vertrauen uns gegenseitig und haben keine Geheimnisse
5. Wir schützen die Kinder

PS: Vertrag schon am ersten Tag in fast allen Punkten gebrochen