In kleinen Dosen

By montillon [ http://www.flickr.com/photos/montillon/3216317664 ] CC-BY-SAMeine Schwester arbeitet in der chemischen Forschung. Während ihrer Ausbildungszeit war es üblich, verharzte Hände mit Benzol zu reinigen. Das funktionierte auch ganz prima — bis man heraus fand, dass diese aromatische Verbindung schwer krebserrregend ist.
Auch verstieg man sicher früher in der Annahme, ein Fluss wäre sauber — bis es Messgeräte gab, die kleinste Mengen von Cadmium im ppm-Bereich nachweisen konnten.

Was sagt uns das?

  1. Die Wissenschaft bleibt nicht stehen, sie macht Fortschritte, sie lernt nie aus.
  2. Wissenschaftliche Ergebnisse sind also relativ und niemals abschließend.
  3. Was man nicht sucht, wird man (meist) nicht finden.
  4. Etwas, was momentan noch nicht nachweisbar ist, wird man zukünftig vielleicht beweisen können.

Das alles finde ich super. Wissenschaft ist töfte, macht hin und wieder sogar Spaß, hält den Verstand auf Trab und ist das bisher beste Mittel, der Realität immer näher auf die Pelle zu rücken.
Vielleicht findet man dann auch irgendwann heraus, dass Homöopathie und andere alternative Heilmethoden tatsächlich wirken. Oder das alles eben doch nur Scharlatanerie brutalsten Ausmaßes ist.

Bis dahin werde ich deshalb vermeiden, solche Diskussionen erneut zu führen.
Weil ich weiss, dass ich (eigentlich) nichts weiss.

Besinnung auf das Wesentliche

Ich muss seit einiger Zeit Situationen ertragen, die aufgrund unnötiger Reibungsverluste mein Wohlergehen ungemein zu beeinträchtigen drohen — erzeugt von hier nicht namentlich genannten Mitmenschen (die gern Profis wären, aber bestenfalls und mit viel Glück in der Amateurliga spielen).

Dies passiert nicht im wirklichen Leben — also, nicht da, wo es wesentlich ist.

All jenen, die das Leben nicht als großes Spiel begreifen und über so ein Problem weglächeln können, leistet Peter Brodericks wunderbarer Song »And It’s Alright« vom ebenso wunderbaren Label Type Records den dankbaren Dienst, sie in Momenten, in denen sie von Ohnmacht umnachtet scheinen, wieder auf die Beine und den Boden der Tatsachen zu helfen.
Zu dem also, was tatsächlich zählt.
Zum Beispiel: Sieben Sternschnuppen in einer Nacht zu sehen.

Nicht vergessen: Es sind immer die kleinen Dinge, die wirklich bedeutsam sind.

Lustgewinn durch Verzicht

Die erotische Passage, die an dieser Stelle herausgekürzt wurde, war eigentlich nicht schlecht, ziemlich drastisch und dennoch — in Maßen — poetisch. Der Verlagsvolontär habe nach Abschluss des Lektorats die Seite aus dem Abfalleimer gefischt. Erzählt die Putzfrau. Kopien sollen im Internet kursieren. Wie auch immer.

 
— Helmut Krausser: Kartongeschichte (2007)

Am Main: Nichts Neues

Man konnte sagen, was man wollte, in Frankfurt ging man zur Sache, und wenn schon alles zum Kotzen war, hier zeigte man wenigstens offen, welche Kotze zählte.

 
— Jörg Fauser: Der Schneemann (1981)

Köln. Hodenkneterstadt.

Wir lebten inzwischen am Rande des Eigelsteins, einer türkischen Enklave in der Nordstadt. Von den Bahngleisen, auf denen der Thalys mehrmals täglich zum Gare Du Nord rauscht, trennte uns bloß ein Häuserzug. Halbe Tage konnte ich nun nicht mehr in Cafés verbringen, ich beliess es meist auf ein, zwei Espresso. Länger hätte ich auch nicht mehr ertragen. Das unaufhörliche Dröhnen der Stadt begann an meinen Nerven zu zehren. Schon der Gang um’s Eck, zu Ali, meinem Kioskmann, wurde zur Qual. Meinen Platz auf dem Gehweg musste ich mir immer öfter mit spitzem Ellbogen und abgewendetem Blick ertrotzen. Schleichend verwandelte sich der gesamte Alltag in Kampf. Gestank penetrierte plötzlich ungefragt die Nase – und die Ohren wurden malträtiert von jaulendem Türk-Pop, der mich stets an Sänger denken ließ, denen ein unsichtbarer Derwisch die Hoden knetet. Furchtbare Musik. Dabei bin ich wirklich offen, was Musik betrifft: Es gibt so viele unterschiedliche Stile und Richtungen, die mich wahrhaftig bei den Eiern packen. Doch der Zugang zu orientalischen Kompositionen wird sich mir wohl nie erschliessen. Er wird auch nicht erleichtert durch ein infernalisch lautes »Ayshe« aus einem tiefergelegtem 3er-BMW, der unter meinem Fenster dahin wummert – gerade in einem Moment, wo ich Zuflucht suche in den leisen Klängen von Sigur Ròs.

Köln. Transitstadt.

Mich verschlug es nach Köln. Es hätte auch Hamburg, München oder Berlin sein können. Aber es war halt Köln. Das hatte mir einer Frau zu tun, die unbedingt Biologie studieren wollte, es nach zwei Semestern aber aufgab. Sieben Jahre älter als ich war sie, wir teilten eine Wohnung am Friesenplatz, direkt gegenüber vom Päffgen. Ich liebte sie, glaubte ich zumindest, ich wollte ihr bis ans Ende der Welt folgen, wenn sie es verlangte, das schwor ich ihr und mir — konnte dabei aber nicht ahnen, dass das Ende der Welt nur ein paar Meter weiter um die Ecke lag, im Belgischen Viertel, in das sie zog, als sie sich in einen anderen Kerl verliebte.

Wolfgang hilft

Kaum aus der Psychiatrie entlassen, holte ich mir auf meiner Mansarde einen runter. Im Marienhospital hatte ich keinen Steifen gekriegt, was wohl an dem Hängolin lag, das die mir in den Kaffee gegeben hatten. Nun ging es wieder, und es kam gut, kam sehr gut. Ich fragte mich, ob der jahrelange Sex mit mir selbst dazu geführt hatte, daß ich plemplem geworden war. Aber dann müßten ja alle katholischen Geistlichen und Junggesellen ohne Freundin reif sein für die Klapsmühle. Sind sie es nicht auch? […] Ich wäre sehr gern Schriftsteller geworden, aber was sollte ich schreiben? Sollte ich einen Roman daraus machen, wie ich jeden Tag in die Wirtschaft gehe und mich besaufe? Manche Tage waren ganz unterhaltsam, wenn man den Experten beim Klammern zusah, aber sollte ich schreiben, Erwin spielt die Herz zehn auf, Kurt geht mit der MI drüber, Manfred fängt sie mit dem Jas und Klöte wirft einen bei? Und das auf dreihundert Seiten?

 
— Wolfgang Welt: Doris hilft (Suhrkamp st 4051)

Landleben (be)lohnt

Die Wälder sind jetzt schon voller Steinpilze, Maronen und Pfifferlinge. Wenn ich Glück habe, kann ich noch die edle Kunst des Fischefangens erlernen. Das nehme ich eigentlich erst mal mit, und dann kann ich nur hoffen, dass es gelingt, wenn man auf andere Weise lebt, die Art und Weise, wie man hier den Tag anfängt, dass man den Kopf wirklich sehr lange erst mal medienfrei hält, nichts hineintut, was da in einen frischen Kopf noch nicht hineingehört, sondern erst mal wirklich guckt, was der liebe Gott, den man einen guten Mann sein lässt, über Nacht wieder angestellt hat und sich dann ganz langsam diesem Paralleluniversum zuwendet, das manche Leute die Realität nennen.

 
— Wiglaf Droste am 16.07.2009 im Interview mit Deutschlandradio Kultur